

Die künstlerische Darstellung des Sterbens hat in Salzburg spätestens seit der Eröffnungsvorstellung der ersten Salzburger Festspiele, am 22. August 1920, mit Hugo von Hofmannsthals „Jedermann“ (in der Regie von Max Reinhardt) Tradition, ja ist geradezu zu einer Institution, einem ‚Kult‘[1710] geworden. Fast jeder Salzburger und jede Salzburgerin hat sich durch die sich alljährlich wiederholenden Jedermann-Rufe am Domplatz[1711] entweder selbst vor Ort oder wenigstens vom Hörensagen an sein eigenes Sterben erinnert und vom Gedanken an die Möglichkeit eines plötzlichen Todes affizieren lassen. Die vierfache Überbuchung der „Jedermann“-Vorstellung bei den Festspielen 2004 zeugt davon, dass dieses „Spiel vom Sterben des reichen Mannes“ weit über die Grenzen Salzburgs, ja Österreichs und sogar Europas hinaus durch seine archetypische Thematik eine bemerkenswerte Faszination auf die Menschen ausübt. In Stadt und Land Salzburg hat sich darüber hinaus eine von den Festspielen unabhängige, zum Teil sogar gegen diese „an-spielende“ Theatertradition ausgebildet, die das Jedermann-Sujet (in gegenüber Hofmannsthal zum Teil erheblich veränderter Gestalt) in die breite Öffentlichkeit, sei diese städtischer oder vor allem auch ländlicher Natur, hinausträgt.
Während sich im „Jedermann“-Stoff – wie bereits der sprechende Name kundtut – jeder Mann respektive jede Frau angesprochen fühlen soll und das Einzelindividuum in seiner Vergänglichkeit, aber auch in seiner ethischen Verantwortlichkeit sub specie aeternitatis anvisiert wird, gibt es freilich auch ein künstlerisches Genre, in dem nicht so sehr die Thematik des „Jeder muss sterben“ als die Einsicht in die menschliche Gegebenheit des „Alle müssen sterben“ fokussiert wird, die Problematik des Sterben-Müssens also nicht unter einem Individual-, sondern unter einem Kollektivaspekt behandelt wird. Diese künstlerische Gattung ist der Totentanz, der in seiner „klassischen“ künstlerischen Ausprägung auf die Zeit um 1400 zurückgeht und wahrscheinlich im Zusammenhang der Erfahrung des Massentodes durch die großen Pestepidemien (bis in die Barockzeit hinein) in ganz Europa sich in großen Text-Bildzyklen manifestierte, in denen Todesfiguren eine lange Reihe von typisierten Menschheitsvertretern (vom Papst und Kaiser bis zum Bauern und Bettler, vom Greis bis zum Kind, männlich und weiblich) tanzend hinter sich herführen, wobei in den (zumeist) beigegebenen Textbändern dem Tod ein Anruf zum Tanz, den Moribunden eine (meist negativ-widerstrebende) Reaktion zugewiesen wird. Im Lauf der Jahrhunderte hat sich dieser künstlerische Urtypus phänomenologisch erheblich ausgeweitet, sodass nicht nur die Vorführung mehrerer Tanzpaare bestehend aus Tod (bzw. Totem) und Mensch, sondern überhaupt die Darstellung einer Todesfigur zusammen mit einem Menschen (auch ohne Tanzmotiv), in weiterer Folge sogar lediglich die Thematisierung von (zumeist kollektivem) Sterben unter dem Begriff „Totentanz“ subsumiert wird, wodurch im Extremfall speziell in der Gegenwart „Totentanz“ überhaupt nur mehr als metaphorischer Ausdruck für (kollektives) Sterben fungiert. Außerdem blieb die Bezeichnung „Totentanz“ für die künstlerische Bewältigung der Todesproblematik schon seit dem Beginn der frühen Neuzeit nicht nur auf Phänomene der bildenden Kunst beschränkt, sondern wurde auf künstlerische Erzeugnisse der Musik und der Literatur ausgeweitet.
In diesem weit gefassten Sinn wird auch im Folgenden der Existenz von „Totentänzen“ in Stadt und Land Salzburg nachgegangen. Die Recherchen auf diesem bislang unerforschten Gebiet haben eine erstaunliche Breite und Varietät zutage gefördert.
„Vor“ bzw. „neben“ den künstlerischen Darstellungen von tanzenden Todgeweihten bzw. Toten gab es seit der Hochkultur der Ägypter[1712] in sehr vielen Kulturen Tänze im Zusammenhang mit dem Totenkult. Auch in Mitteleuropa tanzte man nachweislich speziell im Mittelalter auf dem Friedhof.[1713] Für Salzburg ist Derartiges explizit allerdings nicht bezeugt. Eine Verbindung von Tod und Tanz lässt sich im Salzburger Brauchtum allerdings sehr wohl feststellen: Es ist die mit der Untersberg-Region eng verbundene Tradition des „Wilde Gjoad“-Laufens im Advent:[1714] Es erinnert nicht unerheblich an spätmittelalterliche Totentanz-Darstellungen, wenn sich zum Takt des trommelnden Todes[1715] Figuren tanzend bewegen: Allerdings handelt es sich hierbei nicht um Menschheitsvertreter, sondern um Gestalten aus der Sagenwelt rund um den Untersberg und der Tanz erfüllt keinesfalls die Funktion eines „Memento mori“, sondern hat apotropäische Bedeutung.
Der älteste Salzburger Totentanz findet sich als Fresko an der südlichen Innenwand der Pfarrkirche St. Georg in St. Georgen im Pinzgau (nahe Bruck).[1716] Rund um ein hohes gotisches Fenster hat ein unbekannter Künstler im zweiten Viertel des 16. Jahrhunderts mehrere (nicht hierarchisch geordnete!) Tanzpaare (zum Beispiel Tod und Bischof, Tod und Kaufmann, Tod und nackte Frau) gruppiert. Der nur fragmentarisch erhaltene Totentanz (ohne Textbeigabe!) könnte einen Reigentanz andeuten.[1717] Ob dieses ausgeprägte Tanzmotiv, ob die entblößte Frau und/oder gar der in seiner Vergänglichkeit vorgeführte Bischof nur drei Generationen nach der Entstehung dieses Zyklus das Missfallen der von Erzbischof Markus Sittikus zum Zwecke einer Generalvisitation ausgesandten Kommissäre Dr. Johann Gichtl und Dr. Johannes Franziskus Gentilotti erregt hat, muss unentschieden bleiben: Fest steht jedenfalls, dass im Visitationsprotokoll aus den Jahren 1613/1614[1718] die Entfernung der Bildkomposition wegen der „weltlichen und skandalösen Darstellung“[1719] eingemahnt und durch Übermalung auch vollzogen wurde. Erst seit 1996/97 sind die Fresken wieder freigelegt.
Einen in seiner Art höchst außergewöhnlichen Totentanz gleichsam „dingsymbolischer“ Prägung hat das Salzburger Frühbarock hervorgebracht: Am Salzburger Sebastiansfriedhof[1720] findet sich in Gruft 39 die so genannte „Weiß’sche Grabstätte“[1721], für die der unter Erzbischof Markus Sittikus über ein Jahrzehnt in Salzburg wirkende Züricher Bildhauer Hans Conrad Asper um 1622 ein unmittelbar auf das Totentanz-Sujet rekurrierendes Grabrelief geschaffen hat: Ein süffisant lächelnder Tod mit Stundenglas und Sense tritt auf die Kopfbedeckungen von vier geistlichen und vier weltlichen Ständen: Hinter Tiara, Mitra, Kardinalshut, Kaiserkrone, Ritterhelm usw. werden dabei assoziativ die im traditionellen Totentanz in hierarchischer Reihenfolge auftretenden Ständevertreter der klerikalen und der laikalen Gesellschaftsschicht vor dem geistigen Auge des Betrachters transparent.
Dieselbe „Kopfbedeckungssymbolik“ in Totentanzmanier findet sich übrigens noch einmal im Salzburger Raum in der Kapelle zum Guten Hirten, 1,5 km südlich von Obertrum.[1722] Im hölzernen Vorraum dieser Kirche, die 1721 vom Mattseer Dechanten Johann Baptist Ölperl als Teil seiner privaten Einsiedelei aus Holz errichtet und Mitte der Vierzigerjahre aus Mauerwerk neu aufgebaut wurde, findet sich auf drei gestaffelt ineinander übergehenden Etagen eine gemalte, aus fast 40 Einzelszenen bestehende Darstellung der „Via purgativa“ (Weg der Läuterung) mit den Vier letzten Dingen (Tod, Gericht, Himmel und Hölle), biblischer und legendarischer Versuchungen und vorbildhafter Büßergestalten. Der Tod in diesem theaterhaft anmutenden Raum, der hinter der Tür zur Orgelempore gleichsam wie in einer Bühnennische dem Besucher mit Sanduhr und Pfeil entgegenblickt, ist unter anderem umgeben von der umgeworfenen Tiara des Papstes, einer liegenden Bischofsmitra, einer schiefen Kaiserkrone, einer Grafen(?)krone und dem Birett eines Kanonikus. Die Inschrift „Auf ainen khnall würdt sein der fahl Den Todt wür alle erben. Wie? Wan es hier wer auß mit dier? Werst gschikht und gricht zum sterben“ vermittelt (auch hierin in der Tradition spätmittelalterlicher und barocker Totentänze) ein eindringliches „Memento mori“ und unterstreicht die Intention des Aufrufs zur Metanoia in dieser „Bußkapelle“.
Rund ein halbes Jahrhundert später (um 1770)[1723] entstand der wohl berühmteste und am meisten besuchte „Totentanz“ Salzburgs: die beiden mit je sechs Bildern zum Thema „Tod“ geschmückten Holztafeln in der Arme-Seele-Kapelle hinter der Kommunegruft am Aufgang zu den Katakomben im Friedhof von St. Peter.[1724] Die Thematik der in morbiden Grautönen gehaltenen und ästhetisch eher einfach gestalteten Darstellungen eines unbekannten Malers ähnelt nur hinsichtlich der Aussagetendenz des Memento mori (und der damit verbundenen Aufforderung zur Vollbringung guter Taten sowie der Pflege bestimmter Frömmigkeitsformen wie zum Beispiel des Rosenkranzbetens) dem traditionellen Totentanz. Im Wesentlichen handelt es sich um bildliche Reflexionen über das unbarmherzige, unberechenbare und grausame Walten des Todes.
Dennoch lassen sich in den mit lateinischen Über- und deutschen Unterschriften versehenen Todesdarstellungen auch direkte Bezugnahmen auf das Genre des Totentanzes ausmachen: So wird in Tafel 2, auf der der Tod Knochen in das Ossarium des Friedhofs werfend zu sehen ist, die Relativierung der Standesunterschiede angesichts des Todes durch die deutsche Unterschrift „Du führst gleich, was du willst in schildt, Im Todtenhauß gar khein ordnung gilt“ explizit thematisiert. Im 5. Bild wird die Ständereihe des Totentanzes anzitiert, wenn der Tod beim Lotteriehafen steht, aus dem König, Bettler und Eremit ihre Totenzettel ziehen und die Unterschrift verkündet: „Auß dißem Haffen hebt zugleich ein Todten zetl arm und reich“. Schließlich wird in der Unterschrift zum 10. Bild, auf dem ein Mann mit einem Rosenkranz zu sehen ist, der dem Toten Blumen und Kränze in das offene Grab streut, auf den „Totentanz“ ausdrücklich Bezug genommen: „Sanft ruhen nach den Todten Tantz erlangt von gott mit Roßenkrantz“.
Das 19. Jahrhundert hat in Salzburg wie fast überall für das Totentanz-Genre nichts Nennenswertes hervorgebracht. Erst an der Wende zum 20. Jahrhundert besinnt man sich wieder dieser in ihrer Koppelung von Tod und Tanz (als Ausdruck vitaler Lebenskraft) paradoxen und deshalb besonders eindrücklichen Sterbemetapher, um sie im Gefolge der Erfahrung zweier Weltkriege und der Bedrohung durch globale Katastrophen im 20. und beginnenden 21. Jahrhundert besonders intensiv zum künstlerischen Ausdruck kollektiven Sterbens einzusetzen.
Noch vor dem Ersten Weltkrieg hat Matthäus Schiestl d. J.[1725], der 1869 im Salzburger Stadtteil Gnigl geborene Maler und Grafiker, im Rahmen seiner Auseinandersetzung mit religiösen und makabren Themen das Genre „Totentanz“ wieder entdeckt. So illustrierte er bereits 1903 in einer über einen Meter langen Kohlezeichnung das berühmte Totentanz-Gedicht (1815) von Johann Wolfgang von Goethe. Einzelszenen wie „Tod und Trinker“ („Totentanz“), „Tod und Wanderer“ („Der Wanderer“) oder „Tod und Mädchen“ („Das Tödlein“ mit der Inschrift: „Tanz, Mädl, tanz“) zeigen die Affinität des Künstlers zur Totentanz-Thematik. 1909 schließlich schuf er einen Zyklus „Der Tod zu Basel“.
Ein Hauptexponent der Salzburger Totentanzkunst ist der in Salzburg (nach 1938 als begeisterter Anhänger der NSDAP sogar als oberster Kunstfunktionär des Gaues Salzburg) tätige und 1962 in Großgmain verarmt und vergessen verstorbene Franz Reisenbichler[1726], Vertreter einer völkisch-monumentalisierenden Kunstrichtung. Das Salzburger Museum Carolino Augusteum verwahrt von ihm zwei Totentänze: Zunächst den aus neun Radierungen[1727] bestehenden Zyklus „Totentanz“ aus dem Jahre 1918[1728] der unmittelbar unter dem Eindruck des von ihm selbst erlebten Massensterbens im Ersten Weltkrieg entstanden ist. So thematisiert er etwa im Blatt „Der Flieger“ die Technisierung des Krieges, den erstmaligen Einsatz von Flugzeugen zum Abwurf von Bomben und Granaten. Reisenbichler stellt den Moment vor der Explosion dar, den Abwurf der Bombe durch den Flieger, d. h. den über das Land reitenden Tod. Der Tod als Skelett gleitet gleich dem apokalyptischen Reiter auf einem skelettierten Pferd durch die Luft. Im Hintergrund erscheint – nur rudimentär angedeutet – das Flugzeug: der eigentliche Träger der Bomben. Der zweite Totentanz Reisenbichlers[1729] ist bislang noch nicht der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden: Es handelt sich um ein restaurierungsbedürftiges Großgemälde (Öl auf Leinwand) aus dem Jahre 1931, auf dem Skelette zum Spiel eines Toten-Orchesters (in der Tradition des spätmittelalterlichen Totentanzes: Dudelsack, Geige, Flöte) posieren und tanzen.
Wie Reisenbichler verlieh auch Reinhard F. Funke[1730], der 1886 in Salzburg geboren wurde und über weite Strecken seines Lebens in dieser Stadt (1938–1945 als Magistratsbeamter) tätig war, seinem Entsetzen über die großen menschlichen Verluste im Ersten Weltkrieg in einem cTotentanz“ Ausdruck. Allerdings wird hier der Fokus der Kritik primär auf die Lebensverhältnisse der Nachkriegszeit, also der so genannten „Goldenen Zwanzigerjahre“ gelegt: In einer skizzenhaften Zeichnung sieht man einen Leichenzug, in dem eine Todesfigur einerseits einer angedeuteten Menschenmasse von Begräbnisteilnehmern vorangeht (und diese damit als „lebende Leichname“ entlarvt) und ein zweites Skelett andrerseits die dem Leichenwagen vorgespannten Pferde antreibt. Der Zylinder auf dem Kopf der beiden Todespersonifikationen sowie die glanzvolle Ausstattung des Leichenwagens sollen wohl dem Betrachter die Einsicht „Nobel geht die Welt zugrunde“ vermitteln.
Ebenfalls in die Zwanzigerjahre des 20. Jahrhunderts gehört das Ölgemälde „Der letzte Kavalier“[1731] des 1932–1986 in Salzburg ansässigen Malers Albert Birkle. Das Bild zeigt eine alte Dame, die sich zu einem letzten Rendezvous mit einem ihr offensichtlich unbekannten Galan mit üppigem Make-up, modischer Kleidung und kostbarem Schmuck zurechtgemacht hat. Der Tod tritt – ebenfalls elegant in weißem Hemd und schwarzem Anzug, mit einer Nelke im Knopfloch gekleidet – von hinten an sie heran und greift forsch nach der welken Brust der Greisin.[1732] Die Bildkomposition erinnert unmittelbar an die berühmte (auch oft isoliert gestaltete) Totentanz-Szene „Der Tod und das Mädchen“ und ist als eine makaber pervertierte Variationsform dieser Thematik zu deuten.
Als ein Künstler, der das Totentanz-Sujet (auch in seiner großen zyklischen Form) zu einem Hauptthema seines Schaffens avancieren ließ, muss Fritz Richter gelten. Der Meister des Holzschnitts verbrachte zwar den größten Teil seines Lebens in Berchtesgaden, war aber gebürtiger Salzburger (geboren 1904). Von ihm sind insgesamt vier „Totentänze“ erhalten. Das größte und wohl auch bedeutendste Opus aus dieser Werkgruppe ist der so genannte „Bauerntotentanz“, eine Serie von 23 Holzschnitten.[1733] Typisch für diesen Zyklus ist das Aufzeigen von „tödlichen“ Situationen im Alltag des bäuerlichen, alpenländischen Lebens im Berchtesgadener Land. So kommen etwa letale Gefahren in der Arbeitswelt (Holzfällen, Holzschlittenfahren, Bergbau, Jagen, Fuhrwerkfahren, Spinnen), aber auch drohende Sterbeprozesse beim geselligen Leben (Wirtshauszechen, Tanzvergnügen, Kammerfensterln) ins Visier. Breiten Raum nehmen auch tödliche Bedrohungen durch Naturgewalten ein (Bergwetter, Sturm, Lawinen). Besonders beeindruckend sind die Darstellungen tödlicher Alpinunfälle: So sieht man zum Beispiel im Holzschnitt „Im Fels“ den Tod als Bergführer neben dem Gipfelkreuz, der das Seil des angeseilten Bergsteigers mit einem Messer durchschneidet: Zugleich Symbol der menschlichen Existenz, die im übertragenen Sinn an einem „seidenen Faden“ hängt, den nach mythischen Vorstellungen die Moiren (Parzen) jederzeit abschneiden können.
Unmittelbar an diesen Zyklus anschließend findet sich im Berchtesgadener Heimatmuseum Schloss Adelsheim ein ebenfalls mit „Bauerntotentanz“ betiteltes Blatt[1734] auf dem 16 ähnlich geartete, zum Teil idente Sterbeszenen aus dem alpinen Lebensraum Berchtesgadens von zwei überdimensionalen Todesfiguren (Tod als Knochengeiger und Tod als Bauer mit Sense) eingerahmt werden.
Das Berchtesgadener Heimatmuseum verwahrt überdies noch ein anderes, mit „Totentanz“ überschriebenes Blatt Richters aus dem Jahr 1948, das arkadenartig in drei Reihen acht Totentanzszenen traditioneller Art mit moribunden Ständevertretern (Kaiser, Reicher, Gelehrter, Maler, Mädchen etc.) unter dem Motto „Schnell packt der Tod den Menschen an“ präsentiert.
Die interessanteste Totentanzkomposition Fritz Richters stellt aber zweifellos seine „Totentanzgroteske“[1735] (Zwanzigerjahre oder 1937?) dar. Hierbei handelt es sich um ein Blatt, in dem zahllose todbringende Situationen in einer Kleinstadt und ihrer Umgebung als simultan gegeben dargestellt sind. Der Tod als Freier einer Prostituierten, der Tod am Krankenbett, ein Lustmord, ein Autounfall, ein brennendes Haus, ein Selbstmord, Tod durch Blitzschlag, Tod am Galgen u. Ä. auf engstem Raum versammelt machen dem Betrachter eindrucksvoll bewusst, wie das ganze Leben in Stadt und Land vom Tod beherrscht und bestimmt wird: ein durch die Holzschnitttechnik wie ein Negativ wirkendes Bild in der Tradition der „Verkehrten Welt“ der niederländischen Genremalerei.
Ähnlich wie Fritz Richter hat sich auch Alfred Kubin (1877–1959) um das Totentanz-Genre verdient gemacht. Der in seiner Jugend in Salzburg und Zell am See lebende Künstler[1736], der im Alter von 10 Jahren den Tod der Mutter traumatisch erlebte, 1896 am Grab der Mutter in Zell am See durch einen Selbstmordversuch selbst in unmittelbare Berührung mit dem Tod kam und danach den Tod zeit seines gesamten Lebens gleichsam als „ständigen Begleiter“ seiner künstlerischen Arbeit betrachtete[1737], ist mit drei dem Genre „Totentanz“ im weiteren Sinn zuzurechnenden Werken hervorgetreten. 1918 brachte er „Die Blätter mit dem Tod – ein Totentanz“, eine Sammlung von 24 Lithografien heraus.[1738] In der Tradition der „Imagines mortis“ Hans Holbeins d. J., der das Genre Totentanz von der bis dahin obligaten Darstellung des Tanzmotivs löste und mehr den ins konkrete Leben des Einzelnen unvermutet eintretenden Tod perspektivierte[1739], schuf Kubin einen Zyklus von Todesbegegnungen, der den Moribunden jeweils eine ihnen bzw. ihrem Lebensstil entsprechende Todesfigur beigesellte und damit die ganz persönliche, individuelle Sterbeerfahrung jedes Menschen thematisierte. So führt etwa bei der Darstellung des „Todes des Hofnarren“ der Tod im Narrengewand mit Narrenkappe und Narrenzepter hämisch grinsend den missgestalteten Hofnarren die Stufen hinunter. Der gedrungene, dicke Mann mit schon verborgener Narrenklatsche im rechten Arm hat Mühe, mit seinen krummen Beinen dem Schritt des vitalen Todes zu folgen. Sein Gesicht ist von Trauer darüber gezeichnet, dass er nunmehr von der Bühne des Lebens ins Grab geführt wird, in das ein kleiner Affe (Narrenattribut) schmerzlich hineinblickt. Der Tod holt den Narren als seinesgleichen, hat die existenziellen Signa seines Opfers an sich genommen und triumphiert über den alten Mann, indem er bestimmend die Richtung des Wegs vorgibt und dem Sterbenden boshaft das Konterfei des Narren auf dem Narrenstab vorhält. Der Narr, der die Schwächen seiner Mitmenschen entlarvte, wird nun selbst in seiner Schwäche entlarvt.[1740]
1947 widmete sich Kubin neuerlich dem Genre „Totentanz“. Unter dem Titel „Ein neuer Totentanz“ legte er einen Zyklus von 24 Blatt Strichätzungen (nach Federzeichnungen) vor.[1741]
Schließlich schuf er als Auftragsarbeit für den Verleger Wolfgang Gurlitt sieben lithografische Doppelblätter mit dem Titel „Variationen zu Arthur Honegger ‚Der Totentanz‘“ (Dichtung von Paul Claudel; deutsche Fassung von Hans Reinhart), die im Gurlitt-Verlag 1951 publiziert wurden. Dieses Hauptwerk des späten künstlerischen Wirkens Kubins[1742] beinhaltet (im engen Anschluss an die Dichtung Claudels) die Blätter „Der Büßer“, „Sport und Genuss“, „Der Erschlagene“, „Sturm“, „Tod und Teufel mit Weib“, „Der See“ und „Hochgebirge“.
Ähnlich intensiv wie Kubin beschäftigte sich auch der Schöpfer von zahlreichen Zeichnungen, Gouachen, Aquarellen, Hinterglasbildern und vor allem Holzschnitten, Erich Wulz, mit dem Thema „Totentanz“. Der 1906 in Salzburg geborene, von 1947–1971 als Angestellter eines pharmazeutischen Betriebs in Salzburg tätige und 1984 daselbst verstorbene Künstler war in seinem Werk einerseits von den Eindrücken der beiden Weltkriege wie andrerseits von einer tiefen, freilich nicht streng konfessionell gebundenen Religiosität geprägt. Das Thema des Todes beschäftige Wulz von Kindheit an. Seinen ersten „Totentanz“ schuf er allerdings erst 1968. In diesem seinem ersten[1743] Holzschnittzyklus[1744] beleuchtet er das Phänomen „Sterben“ in insgesamt 30 Bildern unter verschiedensten Aspekten: Von traditionell dem Totentanz zuzuordnenden Szenen (zum Beispiel Tod und Mädchen, Tod und alte Frau, Tod und Bischof) ausgehend, schreitet er zu Themen wie „Tod und Teufel“, zu historischen Repliken („Napoleons Ende“) und zu Interpretationen von Christi Tod vor. So thematisiert er etwa im Holzschnitt „Der Essigschwamm“, in dem der Tod dem gekreuzigten Christus den Essigschwamm reichend zu sehen ist, die Tatsache, dass selbst Gott in seiner menschlichen Gestalt der Bitterkeit des Todes unterworfen war. Der Zyklus schließt freilich mit dem Blatt „Auferstehung“, in dem sich ein Mädchen (symbolisch für das Fleisch) der Umklammerung durch den personifizierten Tod entringt.
Thematisch mit dem „Totentanz“ von 1968 verwandt ist auch der Holzschnittzyklus „Tod“ aus dem Jahre 1977. Er besteht aus 10 Bildern und zeigt etwa in den Blättern „Cäsar“ und „Napoleon“, dass selbst die Größten der Welt vor dem Tod in die Knie zu gehen haben.
1979 schließlich schuf Wulz die Totentanz-Zeichnungen „Totentanz I–VII“[1745] in denen der Tod – wie auch in den andern Zyklen – in den verschiedensten Konfigurationen (mit Sense, mit Stundenglas, aber zum Beispiel auch als Tödin, die einem feisten Mann eine Liebesrose überreicht) dargestellt wird. Wulz sieht den Tod allerdings nicht nur als Schrecken des Menschen. Nicht selten erkennt er im Tod auch einen guten Freund, der die Tür zu einem neuen Leben in Fülle öffnet, wie sein Jugendgedicht aus 1926 bezeugt:
„Tod, o lieber Gefährte mein,
tritt in meinen Körper ein.
Offen stehet schon der Mund
und die Seele ist todwund.
Und auch meine letzten Glieder
ahnen schon ein neues Wieder.
Komm, ganz nahe sollst mir treten,
dass ich mich kann hinüberbeten“.
Holzschnittartig erscheinen auch die Tuschzeichnungen von Totentanz-Szenen des 1941 in Salzburg geborenen und seit 1987 hier als Zeichner, Autor und Schauspieler tätigen Elmar Prack. Sie finden sich auf dem Cover der LP „Begegnung“ aus dem Jahre 1985, auf der Vertonungen von Gedichten Georg Trakls durch Tobias Reiser d. J. eingespielt sind. Man sieht Vertreter der Geistlichkeit, eine Dame aus dem Rokoko mit einem Herrn im Biedermeier-Stutzer, einen Knaben mit dem Papageno-Glockenspiel begleitet von einem Geiger, die Habergeiß (aus der „Wilden Jagd“) und eine Amme, die alle bereits als Tote in den Reigen treten. Im Privatbesitz von Elmar Prack befinden sich darüber hinaus zwei Blätter „Studien zu einem Totentanz“, die ebenfalls aus der Freundschaft mit Tobias Reiser hervorgegangen sind. Bemerkenswert ist, dass Prack als sein persönliches Logo eine Todesfigur mit Narrenkappe und Narrenzepter – kommentiert mit der Inschrift „The Joker is me“ – gewählt hat.
Bereits stark in die Problematik unserer modernen Welt mit ihren mannigfaltigen Todesbedrohungen eindringend und diese thematisierend, erweisen sich die Totentänze des – vor allem mit Hallein und Hintergöriach im Lungau verbundenen – bildenden Künstlers Bernhard Prähauser[1746] der sich mit Aquarellen, Malarbeiten mit Kohle und Ölkreide, mit grafischen Arbeiten, vor allem aber mit Reliefs und Skulpturen aus Bronze, Stein und insbesondere aus Holz einen Namen gemacht hat. Als sein bedeutendster Beitrag zum Totentanz-Genre muss sein „Totentanz“ aus den Jahren 1992/93 angesehen werden – eine Bronzetafel, die aus 16 kleinen, in zwei Reihen zusammengefassten Tafeln aufgebaut ist. In diesem Zyklus sieht man unter anderem „moderne“ Totentanz-Szenen wie etwa den Tod mit dem Raucher, den Tod mit dem Krüppel im Rollstuhl, den Tod vor einer Bank, den Tod vor Atommeilern, den Tod neben einem Nato-Emblem etc. Prähauser fokussiert also nicht nur den Tod als allgemeine „conditio humana“, sondern vor allem auch als Herausforderung unserer Zeit. Die Totentanz-Motivik verbindet sich hier also – ganz in der Tradition spätmittelalterlicher Totentänze – mit Sozialkritik.
Den Blick von der Gesellschaft weg hin auf das konkrete Einzelindividuum lenkt der in Salzburg lebende Journalist, Kulturmanager und Marketing-Spezialist Peter Baldinger mit seiner 20-teiligen Serie „Entenjägers Totentanz“, (teils Acryl auf Leinwand, teils Pastellzeichnungen und Hochdruck), entstanden 1994/1995. Fasziniert vom Totentanz Holbeins beschloss Baldinger, diese Motivik als Metapher für die Darstellung der Erfahrung seines eigenen psychischen Tods durch die Trennung von seiner ersten Frau zu wählen. Der Titel rekurriert dabei auf die „Institution“ des „Duckhunting“ in Maine/USA, wo der (autodidaktische) Künstler die letzte Zeit mit seiner Frau und den beiden Kindern vor der Scheidung verlebte. „Totentanz“ wird hier also psychologisiert und individualisiert.
Den Gedanken, dass psychische Erschütterungen Todeserfahrungen gleichkommen und der Mensch im Laufe seines Lebens deshalb oftmals mehrfache „Tode“ stirbt, hat über Anregung der Salzburger Germanistik-Professorin Renate Hausner der Saalfeldner Maler, Bildhauer und Restaurator Peter Hasenauer in einem Hinterglasbild-Zyklus zur Darstellung gebracht, den die beiden „Totentanz der Seele“ benannten. In diesem 9-teiligen Werk (das mit wissenschaftlicher Beschreibung auch als Buch erschienen ist[1747]) werden sechs traumatisch erfahrbare Lebenssituationen drei theologisch inspirierten Aussagen über den physischen Tod (und dessen christlicher Überwindung) gegenübergestellt. Es zeigt sich, dass Pubertät (als einziger psychischer Tod, der als Abschied von Kindheit und Primärfamilie für ein geglücktes Leben erlitten werden muss), Verlassenheits- und Gewalterfahrung in der Kindheit sowie Kindesverlust (durch Abtreibung), Partnerverlust (durch Verlassenwerden) und Ich-Verlust (durch Depression) im Erwachsenenalter als „tödlicher“ empfunden werden können als der körperliche Tod, der sich gelegentlich sogar als „erbarmender Tod“ erweist. Die „Tode“, die der Mensch seinem Mitmenschen zufügt („homo homini mors“, „der Mensch ist dem Menschen Tod“) und die das „Böse“ in der Welt darstellen, sind das größere Übel als der „natürliche“ Tod, der als von Gott zugelassenes „Leid“ der irdischen Welt inhärent ist. Dennoch kann auch der Tod der Seele im Sinn des biblischen Gleichnisses vom sterben müssenden Samenkorn durch christliche Einsicht sublimiert und für die persönliche Entwicklung fruchtbar gemacht werden. Die tiefenpsychologisch und philosophisch-theologisch anspruchsvolle Bildkomposition will nicht nur bei jedem Betrachter persönliche Erkenntnisprozesse über verschuldete und nicht verschuldete (Nah)Todes-Erlebnisse im eigenen Leben in Gang setzen, sondern auch ein auf christlicher Grundlage basierendes, aber grundsätzlich überkulturell konzipiertes spirituelles Trostpotenzial bereitstellen.
Nicht von Salzburgern geschaffen, aber in Salzburg zu besichtigende „Totentänze“ sind das bei dem Salzburger Drucker Johann Baptista Mayr 1682 befindliche „Theatrum Mortis humanae tripartitum“[1748] mit dem 1. Teil „Der Todten-Tantz“[1749] des 1641 in Laibach geborenen Historikers und Ethnografen Johann Weichard zu Valvasor.[1750] In diesem mit wertvollen Kupferstichen gezierten barocken Lehrgedicht über den Tod in lateinischer und deutscher Sprache werden insgesamt 48 Figuren (darunter gegen Ende auch Figurenensembles sowie zuletzt Christus als Crucifixus im Dialog mit dem Tod vorgeführt: Diesem Totenreigen vorangestellt sind (gemäß der Tradition spätmittelalterlicher und barocker Totentänze) Reflexionen zu Schöpfung und Sündenfall. Die Kernaussage formuliert ein als Motto dem Totentanz beigegebenes Distichon: „Quaelibet ad saltus veniunt vitalia mortis. Saltabis genitus se duce quisquis humi“ (= „Alles, was lebendig ist, kommt zum Tanz des Todes. Tanzen wirst, du, wer immer du bist, unter seiner Führung auf Erden“).
Das Rupertinum verwahrt acht Farbradierungen mit dem Titel „La Danse de la Mort“ (Illustrationen zu August Strindbergs Bühnenwerk „Totentanz“) des chilenischen Malers Roberto Sebastian Antonio Matta Echaurren (= Matta) aus dem Jahre 1972[1751] im surrealistischen Stil.
Nicht zyklische Totentänze, jedoch deutlich auf das Totentanz-Sujet Bezug nehmende Einzelszenen zeigen mehrere Drucke aus der Mitte des 16. Jahrhunderts. Die Darstellungen zieren Anfangsbuchstaben, dienen also als Initialschmuck.[1752] Derartige „Totentanz-Initialen“ finden sich zum Beispiel in der Stiftsbibliothek St. Peter unter der Signatur 9073 I Lage A 3r (Petrus Crabbe: Conciliorum omnium tam generalium ... Coloniae Agrippinae: Ex Officina Joannis Quentel 1551)[1753] oder unter der Signatur 5468 II Lage ar (Konrad Gesner: Bibliotheca universalis ... Tiguri: apud Christophorum Froschouerum 1545).[1754]
Den Beginn musikalischer Aufbereitung der Totentanz-Thematik im Salzburger Raum markiert „Ein Gesang von dem Todt“, dessen Text in einem 1678 von Johann Baptist Mayr in Salzburg gedruckten Andachtsbüchlein der Pantanleonsbruderschaft[1755] aufgezeichnet wurde.[1756] Der Inhalt des 24-strophigen Liedes ist nur im weitesten Sinn als „Totentanzdichtung“ (weil nur eine Sterbesituation thematisierend) anzusprechen: Der Text bringt einen Dialog zwischen Krankem und Tod, wobei sich der Kranke gegen den Anruf des Todes wehrt, andere „Opfer“ anbietet und um Aufschub bittet. Demgegenüber tritt der Tod in seiner ganzen Unbarmherzigkeit auf, lässt sich auf einen Handel nicht ein und zieht den Moribunden barsch mit den Worten „Fort Madenfaß, bist doch ein Aaß, den Augenblick must sterben“ mit sich. An die Jedermann-Thematik erinnert die 17. Strophe, in der auf den vor dem Tod wertlosen Reichtum des Sterbenden verwiesen wird.[1757] In den Schluss-Passagen der Rede des Tods wird aber auch deutlich auf das Totentanz-Sujet mit seiner standesnivellierenden Aussage Bezug genommen: Mehrfach verweist der Tod auf seine Macht, die sich auf Menschen jeglichen Stands und jeglichen Alters erstreckt.[1758]
Die für den Totentanz so typische Ständereihe führt dann etwa 100 Jahre später explizit ein Lied vor, das (freilich auch ohne Melodie) in der Mitte des 18. Jahrhunderts handschriftlich in einer Sammlung geistlicher Liedtexte aufgezeichnet wurde, die heute in der Salzburger Universitätsbibliothek[1759] einzusehen ist.[1760] Das Lied weist 21 Strophen auf, in denen allein der Tod das Wort hat. Dabei verweist er in den einleitenden vier Strophen auf seine Macht, wendet sich daraufhin – der Tradition entsprechend in annähernd hierarchisch geordneter Reihenfolge – den einzelnen Ständen zu[1761] und schließt in den zwei Schlussstrophen mit einer Mahnung zu christlich frommem Leben und zu hoher Wachsamkeit, da für jeden Menschen jederzeit die Stunde der Abberufung kommen könnte.
Beispiel 1. Totentanzlied
1.
Auf auf ihr menschen khind ich mach euch alle minder
all die for euch gestorben seind, zu Rechter zeit geholt hab ein,
gschicht es heit nit gschicht es morgen, ich due euch kheinen borgen.
2.
So Starckh wie ich ist kheiner so graußam auch nit ainer
mein Duen und lassen in der welt ist nur all zeit da hin bestölt
das ich den menschen zwinge, ja um das lewen bringe.
3.
Ich hab zwar kheine augen der Geruch dueth mir nit dauggen
wann schon bosaunen Sies duet sein, die musi get mir gar nit ein,
mein sin ist nur aus allen, was ich er greif mus fallen.
4.
Ich bin als wir ein ader, Vergifter als mein Vatter
von ungehorsam khom ich her; darum folg ich kheinen menschen mer
ich wer nit khommen in die welt, wen der adam nit het gfelt.
5.
Das höchste Haubt aus allen Stirz ich nach mein gefallen
acht weder Ehr noch ein bardon wen ich einmal werd sitzen an,
hilfft khein bitten, und khein betten, von prefir mist ihr ab dretten.
6.
Der khaißerlichen Khronnen due ich auch nit Verschonnen
wan ihr schon habt fill khönigreich, so miest ihr werden mir all gleich,
Köhnig Firsten und monarchen, stirz ich in meinen Sarchen.
7.
Edl Leit und der gleichen ihr meint ich solt euch weichen
und wan ihr werd glei noch so reich, so miest ihr werden mir all gleich;
adl hin, edl her, edl her, um euch ist khein Hand umkehr.
8.
Mit hoch geboren grafen ich nach beliewen schaffe
der Freiher ist nit frey von mir, zer brich ihn wie ein erdas gschirr,
ich backh alles zu sammen, frag weder er noch Stammen.
9.
Ihr golt schmit und sillwer bordn, daugn nit in meinen orden,
ihr Khaufleit ihr werds erfahren, ich backh euch ein samt euren waren,
hilft khein gelt khein borg khein bit, bei mir habt ihr khein khredit.
10.
Auch ihr Kkriegs leit und amtman ich nem euch kheine schmirzung an
Schreuber und der gleichen Herrn ich machs wir sie die Bauern schern,
ich brauch ein khurzes brodokholl, gschiecht enkh Recht und duet enkhs wohl.
11.
Helltenmietig mechtigs bluet drauet nit mein Pfeil is guet
bixxen Harnisch und musgeten hab ich der malls kheins vonierten
nur das ich mich zu euch wend falt ein ganzes Regiment.
12.
Komt ihr Dockhdor der medicin mit euren wiz und Rebedin
dirt ihr doch die Lewens geister Langsam dötten, ich bin meister
ich brauch khein Khunst, ich brauch khein glickh, ich khans gleich in ain augen blickh.
13.
Ihr handwerckher üns gemein ihr solt bey der Zunft auch sein
wan ihr genuegsam Seit ergeben so khom ich und nim euch das lewen
doch habt ihr all Zeit bey mir samt den Khaiser das Freyquadier.
14.
Ihr wirths leit und gasgewen mich dirst nach euren lewen
ihr dirt oft mals mit der Khreidn, mannichen Dropfen dopelt schreiben,
ihr werd auch aus meinen Fas drinckhen miessen eine Mas.
15.
Jungfrau Braud o liewes khünd, sie ist zart und ich bin plind, ich weis
nichts um ihr liebs scherzen, noch von ihren verliebten Herzen,
ihr hoch zeitlicher Ehren Khranz schickt sich woll zu meinen Danz.
16.
Ich zerReis alles was ich erwisch, frag nit ob die wahr ist frisch,
ich habs allzeit her genommen, jung und alt wir is bekhommen,
Jngling Mäglein gros und khlein, werden all Bey sammen sein.
17.
Bürger bauer Magt und khnecht, ist mir kheins zu hoch zu schlecht.
Wann ihr diet in Feld drauß sizen bey der harden arbeit schwizen
so khom ich und holl euch ab, Feurabm gmacht mit euch ins Grab.
18.
Was der ganzen Welt zu fill ist mir nur ein khinder spill,
ihr Eleit denckhts woll an mich, daß ich euch gwis an drefen will,
ich zerReis mit halwer hand das so starckhe ehstandsband.
19.
Unschult hin, unschuld her, dan ich khomme ungefer
wan ich hör die mutter weinen hat sie mer Söhn oder kheinen,
aus der wiegen, von der Brust Reiß ich ihr das khind mit lust.
20.
Lebet khristlich, lebet from den ich unversehens khom
dirt euch eh mit got verbünden das ich euch nit find in sinden,
lebet Rein es mus doch sein, fielleicht bist du der nexte Mein.
21.
Ich ge all Zeit auf die wacht so woll bein dag als bey der nacht, ich geh
allzeit Battrolieren wo niemand duet vorbeimaschieren
heut sein mir noch frisch und gsund, fileicht ist das die letzte stund.
end.[Watteck 1965], S. 244–246.
Die erste Totentanz-Musik, die man heute zum Erklingen bringen kann, stammt aus der Mitte des 20. Jahrhunderts und stellt sogleich ein Meisterwerk des Salzburger Musikschaffens dieser Zeit dar. Es ist der „Totentanz nach Holbein“ des von 1939–1988 in Stadt und Land Salzburg wirkenden renommierten Hochschullehrers, Komponisten und Musikwissenschaftlers Cesar Bresgen (1913–1988).[1762] Dieses eindrucksvolle Instrumentalwerk (ohne vokale Elemente) liegt in insgesamt vier Fassungen[1763] vor: 1. „Holbein-Suite“ für Klavier (1946 in Mittersill entstanden), 2. „Totentanz“ für zwei Klaviere (1947 in Mittersill geschaffen und im selben Jahr in Salzburg uraufgeführt), 3. „Totentanz nach Holbein“ für Klavier und kleines Orchester (1957 entstanden und im gleichen Jahr in München uraufgeführt)[1764] sowie 4. „Bilder des Todes“ für zwei Klaviere, Pauken und Schlagzeug (1966 für einen Fernsehfilm des Bayerischen Fernsehens geschrieben). Wie bereits aus der Betitelung deutlich, ließ sich Bresgen zu dieser Komposition von der Holzschnittreihe „Bilder des Todes“ des Hans Holbein d. J. (für Bresgen relevant die Lyoner Ausgabe von 1547) inspirieren, dessen Holzschnitt-Titel auch für die 12 vertonten Totentanz-Szenen (der 2. und 3. Fassung) bezeichnungsgebend wirkten: „Der Bapst – Der Apt – Der Pfarrherr – Der Predicant – Der Münch – Der Krämer – Der Schiffmann – Der Künig – Das Alt weyb – Die Küniginn – Die Hertzoginn – Das Jung kint.“
Allerdings wollte Bresgen seine Komposition keinesfalls als „Illustrationen“ des bildlich Dargestellten, also nicht als Programm-Musik verstanden wissen. Vielmehr ging es dem Komponisten um eine symbolische Verdeutlichung der in Holbeins Holzschnitten geschilderten Vorgänge. Verbunden sind die einzelnen Szenen durch die ins Spätmittelalter zurückreichende Weise „Der grimmig Tod mit seinem Pfeil“ (in der Fassung von 1619), die sich „wie ein roter Faden [sc. in motivischen Ausschnitten, in Spiegelungen, Varianten, rhythmischen Verfremdungen] durch das ganze Stück zieht und die den geistigen Kern der Komposition darstellt“.[1765] Eingerahmt wird das Werk in seiner 3. Fassung am Ende durch das Finale, das sich an den beiden Holbeinschen Darstellungen „Gebeyn aller menschen“ und „Daß jüngst gericht“ orientiert sowie am Beginn mit der berühmt gewordenen Toccata, die das Thema des 1. Holzschnitts „Die schöpffung aller ding“ aufgreift und im Sinne der gewählten musikalischen Form (toccare = klopfen, aufschlagen) zwischen figurierten und akkordischen Teilen abwechselt, somit also das Thema figurierend im Soloklavier und akkordisch im Soloklavier und im Orchester zum Erklingen bringt.
Unvollendet geblieben ist Bresgens szenisches Oratorium „Erler Totentanz“ aus dem Jahre 1975 für Solostimmen, Sprecher, gemischten Chor, Tanzensemble, Bläserchor, Schlagzeug und Orgel nach einer Textgestaltung von Paul Kamer.[1766]
Bresgens Totentanz ist mehrfach mit Visualisierungen der Holbeinschen Holzschnitte, aber auch choreografiert[1767] aufgeführt worden. In Salzburg hat diese „tänzerische“ Umsetzung von Totentanz-Musik (unter Beiziehung von literarischen Texten) als Erster der Musikpädagoge, Publizist, Komponist sowie Begründer und langjährige Leiter des Instituts für „Integrative Musikpädagogik und polyästhetische Erziehung“ an der Hochschule Mozarteum, Wolfgang Roscher, im Rahmen der von ihm stark geförderten Musiktheaterimprovisationen versucht. Produktionen derartiger Totentanz-„Gesamtkunstwerke“ fanden 1966, 1981 und 1991 statt.[1768] Dabei wollte Roscher in seinen „Kirchraumspielen von der Vergänglichkeit“ keinesfalls historische Totentanzspiele nachstellen:[1769] vielmehr sollte durch die Verknüpfung von mittelalterlichen Texten (Alanus de Lille: 12. Jahrhundert) und mittelalterlichen musikalischen Ausdrucksformen (prosodische und psalmodische, hymnodische und motettische Improvisationstechniken, chorische Quasi-Gregorianik, solistischer Quasi-Minnesang) einerseits und Texten von Nelly Sachs sowie modernen Musiziertechniken (Aleatorik, extemporierte Ensemble-Durchimitation, punktuelles Chorsprechen) andrerseits gleichsam programmatisch eine Verbindung von Gestern und Heute hergestellt und damit nicht nur die immer währende Aktualität der inhaltlichen Aussage, sondern vor allem die Gleichwertigkeit ästhetischer Stile zu allen Zeiten und in allen Kulturen demonstriert werden. Dabei gliederte sich etwa die Produktion von 1981 in ein Vorspiel, in dem sich auf einem Schicksalsrad, an dessen Nabe der Tod stand, die Menschheitsvertreter zu einer Kreisbahn formierten und danach gleich wie eine Figurenreihe eines alten Glockenspiels auf einem Rathausturm starr bewegt wurden, in ein Hauptstück, in dem fünf Typen (Soldat, Bettlerin, Herrscher, Tänzerin und Spielmann) im buchstäblichen Sinn in ein Netz tödlicher Ausweglosigkeit gerieten und (gleich dem Publikum) von Makabertänzern in das Gespinst verstrickter Fadenbahnen hineingeholt wurden und schließlich in ein Nachspiel, in dem sich die kreisenden „Marionetten“ auf der Spielscheibe im Dunkel verloren und nur über den verspannten Netzen ein Glimmen verblieb.
In der Nachfolge Wolfgang Roschers hat die Salzburger Mozarteum-Professorin Michaela Schwarzbauer[1770] 1993 mit Wilheringer Schülern in Linz eine auf die gegenwärtige Lebenswelt mit ihren tödlichen Bedrohungen prononciert eingehende, „aktualisierte“ Version[1771] des Roscherschen Totentanzkonzepts zur Aufführung gebracht.
Das Thema „Totentanz“ wurde in Salzburg freilich nicht nur für einen elitären Kreis von anspruchsvollen Musikfreunden adaptiert, sondern bewusst auch für die breite Öffentlichkeit aufbereitet. Insbesondere war es Tobias Reiser d. J., der sich intensiv mit dem Phänomen „Tod“ befasste und dies auch für seine künstlerischen Produktionen fruchtbar werden ließ. Vor allem in dem von ihm mehrfach (und immer wieder modifiziert) präsentierten szenischen Oratorium „Salzburg im Jahr des Herrn“, in dem er die „Tiefe der Volkskultur“ mit dem „Genialen der Hochkultur“[1772] verschränken wollte, kam dem Gedanken an den Tod bei der Darstellung des Herbst-Erlebens eine bedeutende Rolle zu. Schon 1985 hatte der in Salzburg wirkende Musikpädagoge, Musikwissenschaftler und Komponist Wilhelm Keller,[1773] der auch maßgeblich an der musikalischen Gestaltung des Salzburger Adventsingens beteiligt war, für das „Jahr des Herrn“ eine „Totentanzkantate“ für kleines Orchester, gemischten Chor, Frauendreigesang, Männerdreigesang und Baritonsolo geschrieben, in der er die Vertonung eines kurzen Textausschnitts aus der Apokalypse mit einem Vokalsatz des Volkslieds „Es ist ein Schnitter, heißt der Tod“ und einem Instrumentalsatz des Liedes „O du lieber Augustin“ verband.
In den Produktionen von 1999 und 2001 wurde dann im Rahmen des 6. Bildes „Herbst und Totentanz“ zur Musik des Kyrie aus dem Requiem von Michael Haydn (1737–1806) unter der Choreografie von Katharina Grill ein „Totentanz“ vorgeführt: Nachdem der Tod als Sensenmann sich in den Arkaden der Felsenreitschule gezeigt hatte, trat Hans-Wurst als Totengräber auf und reflektierte mit Verwendung der Totentanz-Metapher über die All-Macht des Todes: „Aber des oa wia des ander bleibt uns net daspart / Weder mia nu meiner hochfürstlichen Gnaden dem Fürst-Erzbischof / Denn ob in Zwillich, in Loden oder Seidenglanz / mia alle miaßn zum Totentanz“. Danach begannen Paare zur Totenmusik von Michael Haydn zu tanzen, bis am Ende Caspar (Sohn des Hofadvokaten bei Erzbischof Hieronymus Colloredo), die männliche Hauptfigur des die Einzelszenen verbindenden Handlungsgerüsts, vom Tod abgeführt wurde und seine Braut Maria allein zurückblieb.
Die Felsenreitschule war neben den Festspielhäusern und dem Mozarteum freilich auch Schauplatz anderer musikalischer „Totentänze“, die im Rahmen der Salzburger Festspiele zur Aufführung gelangten. Erwähnt seien hier nur die Aufführungen von Franz Liszts „Danse macabre für Klavier und Orchester“ (1926), von Arthur Honeggers „La Danse de Morts“ (1954 und 1955) sowie von Modest Petrowitsch Mussorgskijs „Lieder und Tänze des Todes“ (mehrfach, u. a. 1970, 1982 und 2004).
Als Ballettproduktion konnte man 1968 „Der grüne Tisch. Ein Totentanz in 8 Bildern“[1774] des berühmten deutschen Choreografen Kurt Jooss zur Musik von Fritz A. Cohen[1775] sehen. In diesem unter dem Einfluss der pazifistischen Schriften Kurt Tucholskys entstandenen engagierten Antikriegsballett dominiert als Rahmen das Konferenzmöbel des grünen Tisches, an dem „schwarze Herren“ als Vertreter all jener Mächte, die durch den Krieg profitieren können und letztlich durch ihre Intrigen einen Krieg verursachen (wie Waffenhersteller, Hochfinanz, Ölmagnaten etc.), miteinander diskutieren. Sie geraten aneinander und streiten so lange, bis es keinen anderen Ausweg mehr gibt als den Krieg. Jeder der Herren zieht den Revolver und schießt: der Totentanz beginnt. Facetten des Kriegsgeschehens werden in mehreren Szenen vorgeführt, zwischen denen der Tod mit den Soldaten, den Frauen und Mädchen tanzt. Schließlich kann als „Totentanz“ im weiteren Sinn eine Tanzproduktion aus dem Jahre 1991 angesehen werden, in der John Neumeier Mozarts Requiem choreografierte.
Das Sujet des Totentanzes findet sich in der Lyrik von SalzburgerInnen nicht allzu häufig. Ein wichtiges Beispiel aus der Gebrauchslyrik stellt das Sterbebildchen des Filzmooser Bauern Johann Gappmair aus dem Jahre 1890 dar.[1776] Nach der Todesanzeige findet sich ein 3-strophiger paargereimter Dialog zwischen Tod und Bauern, in dessen Verlauf es dem Tod gelingt, den anfänglichen Widerstand des Ackermanns, der die Tränen der Hinterbleibenden sowie die anstehende Arbeit als Grund für seine Weigerung, dem Tod zu folgen, ins Treffen führt, zu brechen und sein Einfügen in Gottes Willen zu erzielen. Obwohl hier nur eine Szene zwischen Tod und Menschheitsvertreter dargestellt wird, erinnert der Dialog in seiner Argumentationsstruktur stark an spätmittelalterliche und barocke Totentänze.
Aufgrund der starken Affinität seines Denkens zu den Themenbereichen „Leid“, „Vergänglichkeit“ und „Tod“ erstaunen die relativ zahlreichen Anspielungen an den Totentanz in der Lyrik Georg Trakls nur wenig. So ersteht etwa die Vision tanzender Gerippe vor dem geistigen Auge des Rezipienten, wenn es am Schluss des Gedichts „Abendlicher Reigen“ (2. Fassung)[1777] heißt:
„...
Traumhaft webt der Kerzen Schein,
Malt dies junge Fleisch verfallen,
Klingklang! Hörs im Nebel hallen,
Nach dem Takt der Geigen hallen,
und vorbei tanzt nackt Gebein.
Lange schaut der Mond herein“.
Im Gedicht „Verfall“[1778] dient „blasser Kinder Todesreigen um dunkle Brunnenränder, die verwittern“ als metaphorischer Vergleich für das Absterben blauer Astern im kalten Herbstwind. Aber auch im Sommer (Gedicht „Sommersonate“[1779]) mischen sich unheimlich morbide Gerüche, Farben und Geräusche in die üppige Natur, unter anderem „... bekränzt von Laub und Beeren / Siehst du unter dunklen Föhren / Grinsend ein Gerippe geigen“. In der „Dämmerung“[1780]erfährt das schwermütige, vom Schmerz verzerrte Herz wie „Von Schatten schwingt sich noch ein wilder Tanz, / Zu kraus zerrissnem, seelenlosen Klang“ und im Gedicht „Trompeten“[1781], das von der Atmosphäre eines „Kirchhofschauers“ beherrscht wird, heben sich „Tanzende ... von einer schwarzen Mauer“. Bei Trakl konkretisiert sich also die Totentanz-Thematik allemal in der Vorstellung gespenstisch tanzender Toter oder Schatten.
Von Trakls Gedichten stark geprägt[1782] war zweifellos unter anderem auch Tobias Reiser d. J. So überrascht es nicht, dass auch in der schwermütigen Lyrik des Salzburgers[1783] Todestanz und Schattenreigen die Bildwelt des Autors mitbestimmen. So beschreibt der Dichter im Gedicht „Herbstestraum“[1784] das Aufwirbeln der Blätter durch den „bösen, haßerfüllten“ Herbstwind: „Wild tanzt das Laub im Todesreigen“. Und auch im Gedichte „Ankunft“[1785] sieht das lyrische Ich nach seiner Ankunft in einer südlichen Landschaft: „Verklärt im Licht der letzten Strahlen / Tanzen die Schatten ihren Reigen / Endlich erlöst von süßen Qualen / Da Blicke sich dem Ende neigen“.
In der erzählenden Dichtung von SalzburgerInnen gehört die Totentanz-Thematik nicht zu den bevorzugten Sujets. Dennoch lässt sich zumindest an einem Beispiel die Bezugnahme auf die für das Totentanz-Genre so typische Ständereihe deutlich zeigen. Es handelt sich um die in zahlreichen Handschriften (des 18. Jahrhunderts)[1786] und Drucken überlieferte Untersbergsage[1787] in jener Variante, die sich in der (wohl aus der Feder eines Klosterangehörigen stammenden) fiktiven Ich-Erzählung des Reichenhaller Stadtschreibergehilfen Lazarus Gizner (= Gitschner u. Ä.)[1788] manifestiert. Der Ich-Erzähler berichtet, dass er im Jahre 1523[1789] auf einer Wanderung in das Innere des Untersbergs gelangt sei und im Rahmen eines 6-tägigen Aufenthalts unter Führung eines Barfüßermönchs unter anderem eine klosterähnliche Anlage besichtigt habe, aus deren Fenster er riesige Menschenmassen auf einem Anger lustwandelnd beobachten konnte. Auf die Frage des Ich-Erzählers, wer diese Menschen seien, habe der Mönch geantwortet: „es seyn Keyser, König, Fürsten, Grafen, Freyherrn, Ritter und Knecht, Cardinal, Bischoff, Praelaten, Pröbst, Prior, Techant, Pfaarherrn und andere guete geistliche und weltliche Persohnen“.[1790] Die Berücksichtigung weltlicher wie geistlicher Stände sowie vor allem die streng hierarchische Ordnung bei ihrer Auflistung ergeben im Verein mit der Tatsache, dass eine Auswahl aus den genannten Menschheitsvertretern in zwei Handschriften auch abgebildet werden[1791] starke Reminiszenzen an das Genre „Totentanz“.
Die stärkste literarische Verankerung hat das Totentanz-Sujet im Salzburger Raum im Drama gefunden, wo sich in Gestalt einer phänomenologisch vielfältigen Jedermann-Tradition überdies noch ein mit dem Totentanz-Genre eng verwandter literarischer „Seitenspross“ etablieren konnte.
Anders als in den übrigen (auch literarischen) Kunstgattungen ist in der Dramatik der Bezug zum „Brauchtum“ in Einzelfällen überdies durchaus herstellbar. Dies gilt insbesondere für die Totentanz-Szenen in den so genannten „Volksschauspielen“. Als „Volksschauspiel“ wird hierbei ein von (meist bäuerlichen) Laien „dargestelltes Stück ohne Nennung des Verfassers, das auf Tradition beruht, als Brauchtum empfunden und mit nicht-illusionsmäßig-theaterhafter Aufmachung gespielt wird“[1792] verstanden. Obwohl uns aus dem Salzburgischen kein reines „Totentanz-Spiel“[1793] überkommen ist, gibt es doch zwei thematische Typen, die totentanzähnliche Szenen oder Textpassagen in sich aufgenommen haben. Es handelt sich um die Nikolausspiele einerseits und um die Jüngste Gerichtspiele andrerseits.
Die Nikolausspiele[1794] bieten hierbei keine dramatisierte Darstellung der Legende des populären Heiligen, sondern stellen – zumindest in ihren Salzburger Ausprägungen – religiös belehrende Stücke dar, in denen Nikolaus als Vorbild und Verkünder rechten Lebenswandels vorgestellt wird, der (vor allem folgsame) Kinder im Advent zu belohnen auf die Erde kommt. Gespielt wurden diese Dramen wahrscheinlich in Wirts- und Bauernstuben, wobei die Schauspieler bei der Aufführung möglicherweise auch mehrfach den Schauplatz wechselten. Dieser „Umzugscharakter“ des Spielgeschehens determiniert auch die Struktur der Spiele: Die meisten Nikolausspiele weisen nämlich keine durchgehende Handlung auf, sondern bestehen aus einer Reihe von lose aneinander geketteten (und auch auswechselbaren), in sich abgeschlossenen Szenen, die zum Teil sowohl regional als auch zeitlich, ja sogar genrespezifisch verschiedenster Herkunft sind. Eine oder auch mehrere der Szenen dieser „revueartigen“ Spiele erinnern unmittelbar an das Totentanz-Sujet und könnten aus frühen (bis in die Barockzeit reichenden) Totentanzspielen entlehnt sein.
Im Salzburgischen sind uns zwei derartige Nikolausspiele überkommen. Obwohl beide im Pinzgau zur Aufführung gelangten, stehen sie doch in unterschiedlichen Spieltraditionen. So gehört das nur fragmentarisch überlieferte Nikolausspiel aus Bruck im Pinzgau[1795] zur Nordtiroler Gruppe, während das Krimmler Nikolausspiel[1796] der Südtiroler Spieltradition zuzurechnen ist. Das Brucker Spiel, dessen Ursprünge wohl in das 18. Jahrhundert reichen und das die meisten Aufführungen im 19. Jahrhundert erlebte, ist heute weitgehend vergessen und weder der philologischen Forschung noch der örtlichen Brauchtumspflege gegenwärtig. Es enthält gleich nach den einleitenden Ankündigungen, der Nikolaus werde kommen und guten, frommen Kindern etwas bringen, eine kurze Szene zwischen einem Jüngling und dem Tod (V32–79): Dabei stellt sich in seinem Auftrittsmonolog der junge Mann – im Vertrauen auf eine ihm ob seiner Jugend scheinbar „sicher“ bevorstehende lange Lebenszeit – als Kontrastfigur zu den zuvor angesprochenen „braven“ jungen Menschen vor, die der Lehre des Nikolaus entraten und dem Vergnügen frönen können. Der Tod, der jäh und unvermutet in sein Leben tritt, macht ihm klar, dass es trotz des geringen Lebensalters für Buße und Umkehr zu spät sei. Ein Aufschub für eine gewünschte Beichte wird ihm nicht gewährt; der Teufel holt den Jüngling. Die Funktion der Szene ist die zweifellos an junge Menschen gerichtete Ermahnung, im Blick auf das „Media vita in morte sumus“ („mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen“) schon in frühen Jahren ein Leben nach den Lehren des Heiligen Nikolaus zu führen und im Falle von Verfehlungen eine Conversio mit Hilfe des Bußsakraments zu vollziehen. Die Jünglings-Szene führt ein Negativ-Exempel mit all seinen Schrecken vor und dient der (katholischen) Disziplinierung der Zuseher über die Schiene der Angst vor dem „ersten“, dem physischen und vor allem dem „zweiten“, dem ewigen Tod in der adventlichen Bußzeit.
Stand dieses eindrucksvolle „Memento mori“ im Brucker Spiel gleichsam als „Motto“ am Beginn des Dramas, so bilden die Totentanz-Szenen im Krimmler Nikolausspiel den markanten Schluss des Spiels, der in seiner Eindrücklichkeit den Zuschauern besonders im Gedächtnis verbleiben und die dem Stück inhärente Didaxe durch anschauliche Beispiele unterstreichen sollte. Der Text, von dem einzelne Teile sicher bis ins 18. Jahrhundert zurückgehen, der aber erst 1886 (wahrscheinlich durch den Südtiroler Sägewerksarbeiter Johann Klammer aus der Prettau im Ahrntal im Zuge einer Arbeitsmigration) nach Krimml gebracht und dort 1888 beim „Krimmlerwirth“ erstmals gezeigt wurde[1797], gelangte nachweislich auch noch Mitte der Zwanzigerjahre des 20. Jahrhunderts zur Darstellung.[1798] Ähnlich dem Brucker Spiel ist auch das Krimmler Nikolausspiel dem Kern seiner Aussage nach ein Bußspiel: Fast „welttheaterhaft“ wird das Thema von Sünde und Schuld durch Ankläger (den Teufel und seine Gesellen) sowie durch Verteidiger (rudimentär Nikolaus, besonders Schutzengel) an den Generationen-Vertretern „Kinder“, „Jungfrauen“, Eltern (also: erwachsene Männer und Frauen) abgehandelt, worauf der Erzengel Michael eindringlich zur zeitgerechten(!) Buße aufruft. Dieser Paränese wird schließlich durch drei Negativ-Exempel Nachdruck verliehen, die triptychonartig in Gestalt zweier Totentanz-Szenen, die eine Szene mit zwei bereits verstorbenen „Höllenbewohnern“ (Vater – Sohn) umrahmen, angeordnet sind.
Diese beiden an den Totentanz gemahnenden Begegnungen zwischen Tod und Mensch bringen schlussendlich auch die Vertreter der ältesten Generation (beiderlei Geschlechts) ins Visier: Es sind die Szenen „Tod – Greis“ und „Tod und (altes) Weib“. Beide Begegnungen sind sehr ähnlich konzipiert und stellen Pendants dar: Nachdem die alten Menschen sich den Tod herbeigewünscht haben, wollen sie bei dessen promptem Erscheinen nichts mehr von ihm wissen und versuchen mit Ausreden, Bitten um Aufschub und Bestechungsversuchen das drohende Lebensende abzuwenden. Doch der Tod kennt kein Erbarmen: Er versagt dem alten Mann sogar die Möglichkeit, zur Beichte zu gehen, indem er die für dieses Spiel entscheidende Aussage prägnant in folgenden Vierzeiler zusammenfasst:
„Kein Sakrament solst du Empfang
Warum bist du zufor nie Beichtn gang
es ist ein gemeiner brauch
Wie man lebt so stierbt man auch“ .[1799]
So geschieht es auch, dass Luzifer seine Gesellen anweist, mit der Seele des Alten durch die Lüfte zu fahren. Die Begegnung des Tods mit der alten Frau, die sogar einige komische Elemente enthält[1800], ist nicht vollständig überliefert. Trotz des fragmentarischen Schlusses ist aber nicht daran zu zweifeln, dass auch diese Todesbegegnung in einer „Höllenfahrt“ enden sollte.
Die Totentanz-Szenen im Krimmler Spiel erfüllen also dieselbe Funktion wie im Spiel von Bruck: Sie sollen den Zusehern den erschreckenden Ausgang zu später Reue vor Augen führen und damit eine sofortige Metanoia in Gang setzen. Diesen Exempelcharakter einer von katholischer Angsttheologie geprägten Moral bringt im Krimmler Spiel der Schutzengel am Ende der Szene „Tod – Greis“ eindrucksvoll explizit zum Ausdruck:
„Liebste Leit, folgt meinen rath
ergreift die Buß, nur nicht zu spath.
... gedenkt nur an den alten Mann
wir haben ein Beyspiel schan
wer die Buß will in alter spahrn
der mus mit Leib und Sell zum Teifl fahren“ .[1801]
Mit Hilfe von (zahlreichen) Totentanzreminiszenzen zu Umkehr und Buße – freilich vor dem Hintergrund eschatologischer Dimensionen – anregen will auch ein Volksschauspiel, das fast gigantoman Elemente und Themen verschiedenster Volksschauspiele in sich vereinigt. Es handelt sich um die Altenmarkter Comedy[1802] vom Jüngsten Gericht[1803], ein Drama im Umfang von 6.685 Versen mit 105 Sprechrollen und einer schätzungsweisen Spieldauer von 6 bis 8 Stunden. Aus einem Vermerk am Ende der Handschrift geht hervor, dass das Spiel zum ersten Mal 1755 (mit drei Wiederholungen) auf dem Hornerfeld in Altenmarkt aufgeführt wurde, danach 1764 eine sechsmalige Darstellung fand und 1781 sogar sieben Mal über die Bühne ging. Danach wurden freilich Aufführungen des Spiels untersagt, weil es – wie mündlich tradiert wird – öfter vorgekommen war, dass Zuhörer während des Schauspiels vom Wahnsinn befallen wurden. 1967 „wagte“ man dennoch die Wiederaufnahme des Spiels in einer gekürzten und zeitgemäßen Bearbeitung auf einer 3-etagigen Bühne, die dem Geschehen in Himmel, Erde und Hölle Raum bieten sollte.[1804]
Die heftige emotionale Reaktion der Zuschauer auf das Spiel in seiner ursprünglichen Form ist dabei durchaus nachvollziehbar, ja wird im Prolog ausdrücklich als gewollt deklariert:
„Ach welichens Herz sollte nicht
ab disen Spill Erschröckhen
Wemb solt doch nit dass Jngst gericht
Von Sinden Schlaff Erwöckhen“.[1805]
Erzielt wird dieser Schrecken, der „Der Sellen Nutzen Schaffen“[1806] möchte, durch eine klar gegliederte Handlungsfolge: Nachdem am Beginn der Papst die Zuschauer über die biblischen Grundlagen der Lehre des Jüngsten Gerichts, das übrigens als unmittelbar bevorstehend gedacht wird, aufgeklärt hat, wird das große Sterben und das große Gericht in mehreren klar voneinander abgehobenen „Szenarien“ vor dem Zuschauer entfaltet, in die jeweils deutlich Reminiszenzen an das Totentanz-Genre hineinverwoben sind. Zunächst wird das Sterben des Einzelmenschen und sein Schicksal nach dem Tod (Individualgericht) am Beispiel der für das Volksschauspiel typischen „Jüngling“-Szene (V 70–962) vorgeführt:
Nachdem der vergnügungsfreudige Jüngling vom Tod abberufen wird, versucht dieser sich traditionsgemäß mit allerlei Ausflüchten dem tödlichen Anruf zu entziehen, was ebenso traditionsgemäß misslingt. Allerdings ist es ihm vor seinem endgültigen Abgang von der Welt noch gegönnt, seine Sünden in einer Beichte reuig zu bekennen und von einem Priester Absolution zu erlangen. Dennoch ist das Schicksal seiner Seele noch nicht zum Positiven entschieden. Als der Schutzengel ihn in den Himmel geleiten will, fordert der Teufel Asmodeus sein Recht auf die Seele, in und vor Gott kämpfen „Gerechtigkeit“ und „Barmherzigkeit“ miteinander, die Seelenwägung durch den Erzengel Michael lässt die Waage zur Verdammung sich neigen, bis schlussendlich die Gottesmutter Maria unter Hinweis auf das gelegentliche Rosenkranzgebet des Jünglings und seine Mitgliedschaft bei der Erzbruderschaft den Rosenkranz in die Waagschale wirft, der alle Sünden aufzuwiegen vermag. Ein großer Preis der Macht von Maria Mediatrix beschließt dieses „Spiel im Spiel“.
Wie aus dieser kurzen Inhaltsskizze klar ersichtlich, vereinigt dieser 1. Teil unter dem zentralen Anliegen des Aufzeigens der Wirksamkeit katholischer Frömmigkeitsformen (Marienverehrung, Sakrament der Buße) mit der üblichen Totentanz-Thematik noch Elemente aus anderen Branchen mittelalterlicher Todesliteratur. So sind die Parallelen mit dem „Jedermann“-Stoff nicht zu übersehen: Sie manifestieren sich nicht nur in handlungsrelevanten Szenen wie etwa dem Umstand, dass der Jüngling noch Gelegenheit zu einer Metanoia buchstäblich „im letzten Augenblick“ erhält und dass der scheinbar schon geretteten Seele der Teufel hinterher jagt, sondern auch in Randmotiven wie der anfänglich von Todesahnungen geprägten Stimmung des jungen Mannes sowie der daran anschließenden Szene mit der Jungfrau, die ihm die Melancholie auszutreiben bestrebt ist. Auch das Suchen nach Helfern in der Todesnot[1807] sowie der Auftritt des Mammons am Schluss[1808] erinnern an die frühneuzeitlichen Jedermann-Dramen, sodass in den Aufführungen der „Altenmarkter Comedy vom Jüngsten Gericht“ möglicherweise zum ersten Mal (zumindest in deutscher Sprache) im Salzburger Raum Jedermann-Motivik zu hören und zu sehen war. Über die Verarbeitung von Jedermann-Motiven hinaus zeigt der 1. Teil des Spiels in den Einflüsterungen des vor der Entscheidung zur Beichte stehenden Jünglings durch den Engel einerseits und durch den Teufel andrerseits[1809] Anklänge an die spätmittelalterliche „Ars moriendi der 5 Anfechtungen“[1810] (auch: Bilder-Ars genannt), die in gleicher Weise den Moribunden in seiner Todesstunde als den Versuchungen durch Teufel und den guten Eingebungen durch Engel ausgesetzt präsentiert.
Im 2. Teil der „Altenmarkter Comedy“ (V 1021–1862) werden die Personifikationen der sieben Todsünden, die über Intervention Lucifers auf die Erde gekommen sind, unter dem Blickwinkel des Todes anvisiert und gehen unter seiner Einwirkung zugrunde. Dabei gemahnt schon die Serien-Struktur dieser siebenmaligen Todesbegegnung an den Totentanz; darüber hinaus wird aber zum Beispiel vor dem „Abschuss“ der Hoffart vom Tod auch ausdrücklich auf den „Tanzcharakter“ des Abgangs von dieser Welt verwiesen:
„Wohlauf mit mier an meinen reyen
Weill genueg erziernt du deinen Gott
Mithin ist yezt Dein Lohn der dodt.“
Das interessanteste „Spiel“ mit dem Totentanz-Genre, dessen Motivik in diesem Drama ja in mannigfachster Weise „verwendet“ wird, findet sich im Anschluss an den Totentanz der Allegorien – unmittelbar vor dem Beginn der breit ausladenden Darstellung des Jüngsten Gerichts: In V 1877–2086 treten – streng hierarchisch geordnet – die aus dem Totentanz bekannten Ständevertreter auf: „Kinig, Brießter, Burger, Handtwercher, Baur [und als späterer Zusatz: Haussmann]“. Sie alle verkünden monologisch das Eintreten der Vorzeichen des Jüngsten Gerichts und zeigen sich in ihrer Reaktion auf das bevorstehende Sterben und das damit verbundene große Gericht – diesmal freilich nicht aus der Warte des Individuums, sondern als Vertreter des großen Kollektivs – der Menschheit. Der Tod schließt seinerseits mit einem großen Monolog (V 2041–2086) diesen „Totentanz vor dem Jüngsten Gericht“ ab:
Beispiel 2. Der Dott.
Ich Dodt ein First der ganzen Erden
Unter meinen Gwalt alle kumben werden.
Ich sich nicht an alt oder reich
Waß ich antriff gilt mir alß gleich.
Mein Pfeill der schneidet alles ab
Und wirfft ain jeden in das Grab.
Es sey jung, starckh, armb oder reich,
Keinen ich kein Trit nit weich.
Darumb mich förchtet alle Weld
Weill ich zur Straff von Gott bestelt
Babst Kayser Kinig Firsten und Herrn
Mein Gwalt vermag sich keiner erwöhrn
Grafen Freyherrn und Edl Leith
Burger und Bauern alle Zeith
Ja auch die Bettler auf der Strassen
Keinen due ich befreyet lassen.
Sye seind nider oder Hoch gebohren
durch mich daß Leben haben verloren.
Gedenckht nur wie vill Menschen Kind
Von Anfang der Welt geboren sind.
Wo ist der alt Matusalem
Und die Herrn von Jerusalem?
Wo ist der weise Salemon,
Des Davits Sohn der Absolon?
Wo ist der Alexänder groß,
der Nehro, der vill Blueth vergoß,
Wo ist Plato und Deeleus (Qu. Dellius?)
Wo der gelehrte Virgilius?
Wo ist die schene Hellena
Frau Judit und Lucretia
Wo seind die, so vor tausend Jahren
Auf diser Weld Regenten wahren?
Seindt alle hin die gueten Herrn
Als man sye niehe gewösen währn
Und haben weder Hauth noch Har
dan ich hab sye erlögt so gar.
Eich allen wird es also ergehn,
Ihr werd in die Lenge nit bestehn.
Bedenckhet daß Ir alle sterbt
So lebt daß Ir nit Ebig verderbt
Förchtet Gott und gedenckht darbey
daß ein jede Stund die leste sey
Auf daß wan ich umb Eich ankomb
Mit Freiden Ir mögt volgen fromb.
(Mein Amt daß hab ich nun vollend
Jezt hat die ganze Welt ein End*)
*von späterer Hand an den Rand geschrieben.
Edition: [Comedy vom Jüngsten Gericht 1900], S. 66f, V 2041–2086.
Dabei verweist er – nochmals mit eindeutiger Zitierung des Totentanz-Sujets – auf seine Macht, die sich über „Babst Kayser Kinig Firsten und Herrn Grafen Freyherrn und Edl Leith Burger Bauern und Bettler“ erstreckt. Dieser Ständereihe wird noch eine Liste von großen Persönlichkeiten aus biblischer und antiker Zeit angeschlossen: Der Tod erweist sich als der „Größte“ unter den „Großen“ dieser Welt. Der Schluss seiner Rede bringt freilich eine Pointe, die nur einem „Totentanz am Weltenende“ eigen sein kann: Indem der Tod verkündet: „Mein Amt dass hab ich nun vollend / Yezt hat die ganze Welt ein End“[1811], gibt er kund, dass mit diesem Totentanz auch zugleich das Ende jeglichen Totentanzes gekommen sei: ein Totentanz des Totentanzes! Dementsprechend kommt es dann auch am Beginn des „Gerichtsteils“ zu einem Anti-Totentanz: Die Menschen werden – wieder ständisch hierarchisch geordnet – vom Tod zum Leben[1812] gerufen, um nunmehr als „Lebende“ das Urteil über ihr irdisches Handeln entgegenzunehmen. Die Funktion der folgenden, über 4.000 Verse sich erstreckenden Darstellung des Jüngsten Gerichts wird durch die unverhältnismäßig breite Gewichtung der Verdammung sündiger Menschen, der unerbittlichen Haltung Christi, die keinerlei Fürsprachen von Heiligen mehr aufzuweichen imstande ist und durch Schilderung der Höllenpein zu einer massiv mit der Angst der Menschen operierenden Bußpredigt, die verständlich erscheinen lässt, dass die Menschen in der antizipierenden Vorstellung ihres eigenen Totentanzes in Panik und Hysterie verfielen.
In der langen Zeit zwischen 1781 und 1967 wurde im benachbarten Radstadt im Pongau in den Jahren 1924 und 1925 die „Altenmarkter Comedy“ in einer stark gekürzten[1813] und auch inhaltlich modifizierten Neubearbeitung durch Alois Außerer[1814] wieder belebt. Die unter dem Protektorat von Fürsterzbischof Ignaz Rieder (1918–1934) auf einer Freilichtbühne gegebenen zahlreichen Aufführungen[1815] dienten – wie dem Plakat der „Radstädter Heimatspiele 1924“ zu entnehmen ist[1816] – der „Wiederbelebung alter Volkssitten und Bräuche“, durch welche „unserem Heimatlande neue Freunde zugeführt werden“ sollten. Im Zentrum der Revitalisierung des Jüngsten-Gerichtsspiels (mit seinen Jedermann- und Totentanz-Motiven[1817]) stand also weniger ein religiöses Anliegen als vielmehr unter anderem auch die Präsentation von Volkstrachten und längst dem Gedächtnis entschwundenen bäuerlichen Kulturguts. Das Radstädter Spiel stand also ganz unter dem Vorzeichen der Volkstumspflege, des „Salzburger Brauchtums“. Obwohl die Aufführungen Tausende Menschen anlockten, wurden sie doch zu einem finanziellen Desaster und konnten nicht weitergeführt werden.
Zu den Bewunderern dieses Radstädter Gerichtsspiels (noch vor seiner Aufführung in Radstadt) zählte übrigens Hugo von Hofmannsthal, der 1921 in einem Brief an Emil Ronsperger[1818] von seiner Absicht berichtete, dieses Spiel einmal zu bearbeiten im Sinn gehabt zu haben. Stattdessen wurde Hugo von Hofmannsthal aber in zahlreichen anderen seiner Werke zum „Poeten des Todes“, wobei er einerseits das Motiv des Totentanzes immer wieder aufgriff und andrerseits in Gestalt seines „Jedermann“ einem Seitenspross der Totentanz-Idee eine geradezu „klassische“ Form verlieh.
Schon sein 1893 geschriebenes Jugendwerk das „Lyrische Drama in einem Akt“ „Der Tor und der Tod“[1819] trägt in der frühesten Notiz den Titel „Der neue Todtentanz“[1820] und wird auch im gleichzeitig mit dem Drama entstandenen Prolog als „Eine seltsame gereimte kleine Totentanzcomödie“[1821] apostrophiert.[1822] Tatsächlich handelt es sich allerdings – vor dem Hintergrund spätmittelalterlicher und barocker Totentänze betrachtet – geradezu um einen Anti-Totentanz. Denn Claudio, die Hauptfigur, erfasst nach einem in reiner Reflexion verträumten und damit versäumten Leben zum ersten Mal in der Begegnung mit dem Tod die Fülle irdischen Seins, sodass ihn seine Todesstunde nicht nur zum (nicht erwünschten[1823]) Tod, sondern in paradoxer Weise recht eigentlich zum Leben führt[1824] und er die Erfahrung machen kann: „Morior, ergo sum“ („ich sterbe, deshalb bin ich“).[1825] Claudios Konfrontation mit dem geigenspielenden Tod gerät damit zu einer – der Totentanz-Tradition widersprechenden – Verherrlichung des Sterbeprozesses mit einem glorifizierenden Bekenntnis zu einer dionysisch-konzipierten Todesvorstellung.[1826]
Auch in den Skizzen zu dem niemals ausgeführten Drama mit dem Titel „Gartenspiel“[1827]zeigt sich Hofmannsthals Affinität zum Totentanz-Gedanken: Notiz 5 enthält Verse, „mit denen Ersilia als Tod den Reigentanz anführt“ und sieht (in Form von Regieanweisungen) am Schluss einen Tanz vor, dem der Tod vorsteht (Notiz 12).
Am eindrucksvollsten hat Hugo von Hofmannsthal aber das Totentanz-Sujet in sein Drama „Das Salzburger große Welttheater“[1828] hinein verarbeitet. In diesem an Calderóns Fronleichnamsspiel „El gran teatro del mundo“ („Das große Welttheater“) (1675) angelehnten, 1922 unter der Regie von Max Reinhardt im Rahmen der Salzburger Festspiele in der Kollegienkirche uraufgeführten[1829] Stück wird gegen Schluss – gleichsam als ein kleines in sich geschlossenes „Endspiel“ – ein Totentanz-Reigen (durchaus traditioneller Prägung) dem Zuschauer vorgeführt. Nachdem sich Gott als „Meister“ in dem von ihm gewünschten Stück „Tuet Recht! Gott über“[1830] die „Darstellung“ der Rollen „König, Weisheit, Bauer, Schönheit, Reicher und Bettler durch ursprünglich formlose Seelen als ‚Fest und Schauspiel“ auf der Bühne „Welt“[1831] angesehen und vor allem beim Träger der Bettlerrolle eine (freilich von ihm mitbewirkte) markante Umkehr im Rollenverständnis und in der Rollenakzeptanz erlebt hat[1832] ruft der Engel den Tod, das Spiel zu beenden:
„Zu Ende gehen soll schon bald das Spiel, / Ruf du jetzt einen nach dem andern ab!“[1833]
Und so beginnt der Tod, den Gott zu Beginn zum Bühnenmeister bestellt hat[1834], die sechs Protagonisten sukzessiv zum „Abtritt“ von der Weltbühne zu bewegen.
Wie in einem „traditionellen“ Totentanz reagieren dabei die Typenfiguren auf den Anruf des Todes sehr unterschiedlich: Während der König über die Vanitas der Welt erschrickt, die Schönheit von Angst erfasst wird und der Bauer nach Ausflüchten sucht, ist die Weisheit (als Nonne verkörpert) in Erwartung der Erkenntnis Gottes und der Bettler von Sehnsucht nach dem Tod erfüllt. Er ist es, der sich bereitwillig der Macht des Todes beugt[1835] als wahrhaft „Reicher“ zum Tröster und Begleiter für den „armen“ Reichen wird und erkennt, dass nach dem Tod die irdischen Rollen wie Masken von den Menschen abfallen[1836] und andere Maßstäbe für die Beurteilung zählen. Deshalb erfährt er auch durch den Engel die Bewertung Gottes, dass er am besten seine Rolle gespielt habe. Die sechsfache Abberufung der Menschheitsvertreter durch den Tod, logisch stimmig als Schluss des „Theatrum mundi“ am Ende des Spiels platziert, war von Hofmannsthal sicher in Anlehnung an das künstlerische Phänomen des Totentanzes konzipiert worden, obwohl er im Text (und auch in den Regieanweisungen) die Tanz-Motivik aussparte. Umso begeisterter zeigte er sich aber über die tänzerische Inszenierung dieses Szenen-Ensembles durch Max Reinhardt bei der Uraufführung: „Ein gewisser Moment dieses Spiels war einer der stärksten aus allen Inszenierungen, welche Reinhardt je gemacht hat, ja er war so stark, daß durch die im Dämmer der Kirche zusammengepresste große Zuschauerschar ein mit Seufzern und halblauten Ausrufen der Erschütterung gemischtes Zittern lief und man einen Augenblick lang befürchten konnte, der Eindruck werde stärker sein als die Nerven der Zuschauer. Dieser Moment war der, wo der Tod die einzelnen Figuren, welche zusammen das ‚Welttheater’ vorstellen ... nacheinander abholt, um sie von der Bühne zu führen: Reinhardt hatte dieses Abholen zu einem Tanz des Todes mit jedem einzelnen seiner Opfer gestaltet ...“[1837]
Diese Faszination des Totentanzes wollte Hofmannsthal überdies in (zunächst als Konzession an die Wünsche der Amerikaner gedachten) Pantomimen, die im Rahmen des „Salzburger Großen Welttheaters“[1838] (oder in späteren, stark erweiterten Konzeptionen auch selbstständig) zur Aufführung gelangen sollten, in besonderer Weise evozieren. Die in mannigfachen Versionen erhaltenen Pläne (die freilich auf der Bühne niemals realisiert wurden) sehen zum Beispiel in der Version „Christianus der Wirt“[1839] einen „leisen Totentanz“[1840] und einen „großen Totentanz“[1841] vor.
Mit dem Sujet des Totentanzes unmittelbar verwandt und doch in nicht unwichtigen Details von diesem deutlich abgehoben, präsentiert sich das für die Salzburger Theaterszene in aller Welt als typisch angesehene Jedermann-Drama (in mannigfachsten Variationen). Möglicherweise in der lateinischen Hecastus-Fassung des Georg Macropedius (1538) im Rahmen einer Schüleraufführung der Schule von St. Peter im Jahre 1582 in Salzburg zum ersten Mal gezeigt[1842] erlangte die Gestaltung des in seinen ersten Ausprägungen auf das Ende des 15. Jahrhunderts zurückgehenden Stoffes[1843] durch Hugo von Hofmannsthal[1844] für Salzburg eine bis heute andauernde überragende theatergeschichtliche, ja kulturell identitätsstiftende Bedeutung. Obwohl bereits 1903 in Hofmannsthal in ersten Überlegungen Form annehmend, 1906 als Skizze einer Prosakomödie im Stil Raimunds vorliegend und in seiner heutigen Gestalt[1845] bereits 1911 im Berliner Arenatheater des Zirkus Schumann (unter der Regie von Max Reinhardt) uraufgeführt, erfuhr das Jedermann-Drama erst bei seiner Aufführung am 22. August 1920 vor der Kulisse der Fassade des Salzburger Doms (als Eröffnungspremiere der 1. Salzburger Festspiele) (Regie: Max Reinhardt) seinen ersten durchschlagenden Erfolg.[1846] Seitdem wird der Hofmannsthalsche Jedermann im Rahmen der Salzburger Festspiele (mit Unterbrechungen in den Jahren 1922–1925 und 1938–1945) jährlich in erstrangiger[1847] Besetzung und mit nur mäßig sich wandelnden Regiekonzepten gezeigt.
Der enorme Erfolg ist sicher multifaktoriell zu erklären, jedoch dürfte das auch das Totentanz-Genre beherrschende überzeitlich und überkulturell gültige Thema vom Sterben-Müssen jedes Menschen immer wieder die Menschen in seinen Bann ziehen.[1848] Dazu kommt noch, dass die Erinnerung an die eigene Vergänglichkeit in Form des Jedermann-Stoffes leichter zu ertragen ist als etwa in Gestalt des Totentanzes. Denn trotz großer phänomenologischer Ähnlichkeit etwa mit der Totentanz-Szene „Tod – Reicher“ (man beachte: „Jedermann“ ist nicht jedermann, sondern der materiell gut Situierte![1849]) und trotz grundsätzlich vergleichbarer Aussagetendenz gibt es bedeutende Unterschiede zwischen dem Genre „Totentanz“ und dem „Jedermann“-Stoff: Vor allem springt die Tatsache ins Auge, dass „Jedermann“ vom Tod noch eine Stunde Aufschub gewährt erhält, die ihm schlussendlich eine Metanoia und damit ein glückliches Ende seines irdischen Lebens ermöglicht. Dass Jedermann nicht – wie die Ständevertreter im Totentanz – „so stirbt, wie er gelebt hat“, war und ist freilich Hauptansatzpunkt der Kritik an dem Hofmannsthalschen Stück und führt auch in der produktiven Jedermann-Rezeption zu zum Teil erheblichen Modifikationen des Jedermann-Schlusses.
Dem „Jedermann“-Stoff allein eigen ist auch die Suche nach Begleitern für den Weg ins Grab (und damit der auf einer buddhistischen Parabel basierende europäische Erzählstrang der „Barlaam und Josaphat“-Geschichte) sowie die damit zusammenhängende Existenz eines Ensembles von „Trabantenfiguren“, mit denen Jedermann kommuniziert und interagiert, womit der bipolare Charakter des alten Totentanz-Szenarios markant aufgebrochen wird. Auch die Allegorien (Glaube, Gute Werke und Mammon) findet man nur im Jedermann, sodass auch nur dieser Stoff (insbesondere im 16. Jahrhundert) sich für eine konfessionell-propagandistische Vereinnahmung sowohl von protestantischer (Glaubensgerechtigkeit) als auch von gegenreformatorischer Seite (Werkgerechtigkeit) eignete. Schließlich sind die auf Einfälle von Max Reinhardt zurückgehenden „typischen“ Jedermann-Szenen(elemente) wie Tischgesellschaft, Jedermann-Rufe und Glockengeläute in Totentänzen nicht zu finden. Dennoch hat Hofmannsthal das Genre „Totentanz‘“ auch in Zusammenhang mit dem „Jedermann“ reflektiert, wenn er in dem Aufsatz „Das alte Spiel von Jedermann“ (anlässlich der Beschreibung der Aufführung in Berlin) auf „Holbein und die übrigen Maler der Totentänze“[1850] rekurriert oder in einem Brief an Elsa Bruckmann-Cantacuzene vom 31. August 1911 vom „Jedermann“ als einem „Todtentanzgedicht“ spricht.[1851] Auch der Theaterzettel zur „Jedermann“-Erstaufführung bei den Salzburger Festspielen 1920 zeigt mit der Wiedergabe des Holzschnitts „Der reiche Narr und der Tod“ aus der Erstausgabe von Sebastian Brants „Narrenschiff“ (1494) eine Totentanz-Szene. Schließlich hat sich auch die Regie die enge Verwandtschaft des Jedermann-Stoffes mit dem Totentanz zunutze gemacht: So ließ der Jedermann-Regisseur der Jahre 1961 und 1962, Gottfried Reinhardt (der Sohn Max Reinhardts), das Spiel durch eine Tanzpantomime zur Musik von Ernst Krenek einleiten und beenden, in der sich Tanzpaare mit kurzen abgehackten Gebärden bewegten, die die Vorstellung eines Totentanzes evozieren sollten.[1852]
Der außergewöhnliche Erfolg des Hofmannsthalschen „Jedermann“ bei den Salzburger Festspielen, zu deren „Markenzeichen“ dieses Stück mittlerweile avanciert ist, hat in Stadt und Land Salzburg überdies eine eigene Spieltradition begründet, die überwiegend von Laien (zum Teil auch im Verein mit Berufsschauspielern) getragen ist und die den „Jedermann-Stoff“ auch in das Bewusstsein weniger zahlungskräftiger Bevölkerungsschichten zu tragen sich bemüht. Dabei kommt es bei den einzelnen Spielgruppen zu mehr oder weniger großen Abänderungen des Hofmannsthalschen Textes, denen in den meisten Fällen eine „programmatische“ Botschaft für das Publikum innewohnt.
Absolute Texttreue in Bezug auf Hofmannsthal hat sich nur die Theatergruppe Fürstenbrunn auf ihre Fahnen geheftet, die in Kostümen des 15. Jahrhunderts und mit Musik von Georg Friedrich Händel, Melchior Franck, Michael Praetorius und Josquin des Prés das Flair des Original-Jedermann so weit wie möglich restituieren will. Aufführungen fanden in den bisherigen Spieljahren 2002–2004 auf der Burg Mauterndorf, auf der Burg Werfen, in Grödig, Mattsee, aber auch über die Grenzen des Bundeslands Salzburg hinweg, zum Beispiel in Oberösterreich und Tirol, statt.
Den Hofmannsthalschen Text mit nur geringfügigen Abweichungen präsentiert seit 1999 jährlich auch die Theatergruppe „SALZ. Burgtheater“ auf der Festung Hohensalzburg, deren historisches Ambiente ebenfalls die mittelalterliche Herkunft des Stoffes ins Bewusstsein der Zuseher rücken soll. Dennoch verwendet der Regisseur Kurt Lenzbauer moderne Kostüme, die in Verbindung mit dem geschichtsträchtigen Schauplatz die Zeitlosigkeit der Jedermann-Thematik zu demonstrieren geeignet sind.[1853] Ziel des regieführenden Religionspädagogen ist es, den Hofmannsthalschen „Jedermann“ vom Starkult zu befreien und die christliche Botschaft des Stücks wieder stärker transparent werden zu lassen.
Ebenfalls stark an Hofmannsthal angelehnt, jedoch mit einer markanten Abänderung des Schlusses führt die Theatergruppe „Hinterwinkler Kulturbühne“ unter der Leitung von Peter Willy Willmann, der auch die Figur des „Jedermann“ verkörpert, das Spiel vom Sterben des reichen Mannes auf.[1854] Unter der Überschrift „Erneut erneuert“ erläutert Willmann im Programmheft, dass er den Schluss des „Jedermann“ bewusst offen gelassen und damit das Urteil über das Schicksal Jedermanns nach seinem Tod der eigenen Einschätzung von jedermann und jederfrau anheim gestellt habe.
Für Willmann ist die Artikulation nur eines Gebets unmittelbar vor dem Tod für die ewige Errettung einer sündigen Seele eine unzureichende Begründung und die Hofmannsthalsche Lösung mit seinem eigenen Gerechtigkeitssinn (und seinem persönlichen Gottesbild) nicht vereinbar. Dementsprechend fehlen in Willmanns Jedermann-Version auch alle Szenen mit den Allegorien Glaube und Gute Werke sowie mit dem Teufel. Am Schluss seines „Jedermann-Spiels‘“ spricht der Tod, nachdem Jedermann (mit Hilfe eines Pfarrers!) das Vaterunser gestammelt und „seinen Herrn und Heiland“ um Erbarmen angefleht hat, lediglich die Worte:
„Nun hat er vollendet das Menschenlos
Tritt vor den Richter nackt und bloß
So wie er kam aus Mutters Schoß“.
So endet dieser „Jedermann“ nur mit einer Feststellung der Sterblichkeit und Rechenschaftspflicht des Menschen. Das Urteil Gottes wird ausgespart und den Spekulationen der Zuhörer (oder auch deren demütigem Eingeständnis, eine Erkenntnis über Gottes Entscheidungen nicht erlangen zu können) überlassen. Diese „Jedermann“-Fassung wurde zum ersten Mal 1986 in Glanegg gezeigt, wo die Aufführungen auch bis 1996 jährlich wiederholt wurden. Nach den Spielorten Bad Reichenhall und Tittmoning übersiedelte die Produktion der Hinterwinkler Kulturbühne im Jahr 2002 in „Stiegl’s Brauwelt“, wo sie seitdem vorgeführt wird.
Noch stärker von der Festspielversion des „Jedermann“ abweichend, jedoch in einer von Roland Renner und Elfi Schweiger zusammengestellten Collage von Passagen aus Texten Max Reinhardts und vor allem aus Teilen von älteren und jüngeren Jedermann-Fassungen Hofmannsthals sich deutlich an diesem Autor orientierend, präsentierte sich im Jahr 2004 der so genannte Jugend-Jedermann, der von den „Jungen Freunden der Festspiele“ unter der Leitung von Elfi Schweiger im Hof des Bürgerspitals mehrmals gezeigt wurde.[1855] In dieser Produktion wurde der Jedermann-Stoff mit dem Motiv vom „Tod im Apfelbaum“ verbunden, das dem Spiel auch den Namen gab. Glaube, Gute Werke und Teufel fehlten auch in diesem Stück, das aber dennoch die Erlösung Jedermanns „in Christo“ am Schluss kurz andeutete. Der Tod wurde von einer weiblichen Darstellerin verkörpert und sang das „Brüderlein fein“ aus Raimunds „Der Bauer als Millionär“, wie überhaupt durch die Musik (unter anderem aus der „Fledermaus“ und dem Musical „Cabaret“) sowie durch moderne Kleidung der Vorführung ein „aktualisierender“ Anstrich verliehen wurde. Auch ein „Totentanz“ wurde in Gestalt eines Paartanzes, dem die auf dem Bankett-Tisch tanzende „Tödin“ gleichsam „vorstand“, in die Inszenierung miteingebracht.
Am weitesten von Hofmannsthal entfernte sich der „Jedermann“ der MAD[1856]-Company unter der Leitung von Josef Krasanovsky, der mehrmals im Jahr 1998 im „Salzburger Rockhouse“ gezeigt wurde.[1857] Das Zielpublikum der Produktion waren ausschließlich junge Menschen. Dementsprechend sollte das Identifikationsangebot durch Einsatz moderner „Requisiten“ (wie etwa die beim Bankett verabreichte Modedroge Koks) möglichst direkt vermittelt und das „Tempo“ der Aufführung möglichst hoch sein. So fiel ein Drittel des Originaltexts rigorosen Strichen zum Opfer; der 2. Teil des Stücks (ab dem Mammon-Auftritt) wurde grundlegend (wenn auch unter Verwendung originaler Textpassagen) modifiziert und in ein „Narrenhaus“ verlegt, in das Jedermann nach seinem „Todeswahn“ vor der Tischgesellschaft eingeliefert wurde. In diesem „Irrenhaus“ traten Mammon, Werke, Glaube und Teufel als Psychiatrie-Patienten auf. Dabei gelangte Jedermann in der Begegnung mit seinen Mitbewohnern zur Einsicht in die Verfehlungen seines Lebens und wurde nach einer Schlägerei zwischen einer ihn negativ beurteilenden Patientengruppierung (Mammon und Teufel) und einer ihm freundlich gesinnten Narrengruppe (Glaube und Werke) schlussendlich vom Tod erlöst. Der christlich-versöhnliche Schluss mit der von einem Tonband ertönenden Botschaft von der Aufnahme der Seele Jedermanns in den Himmel wurde beibehalten.
Eine besondere Spezialität der Hofmannsthalschen „Jedermann“-Bearbeitungen stellen die Mundart-Adaptationen dar. Am bekanntesten wurde hierbei die von Hofmannsthal persönlich autorisierte Mundart-Version von Franz Löser aus dem Jahre 1921.[1858] Löser, der selbst als Spielansager beim Spiel am Domplatz 1920 und 1921 mitgewirkt hatte, beschreibt dabei Ziele und phänomenologische Eigenarten seiner Jedermann-Version in der Einleitung zur Textausgabe wie folgt:
„Der Wunsch Vieler, besonders aber der ländlichen Bevölkerung, den „Jedermann“ von volkstümlichen Darstellern gespielt zu sehen, oder ihn in der Mundart lesen zu können, veranlaßte mich, das Werk im Einvernehmen mit dem Dichter einer teilweisen Umarbeitung zu unterziehen. Um nämlich das Spiel vom Sterben des reichen Mannes unseren Volksschichten besser verständlich zu machen, habe ich die eigentliche Handlung aus dem Mittelalter in die heutige Zeit und in ländliche Umwelt verlegt[1859] und aus dem Patrizier Jedermann einen reichen Bauern geschaffen, der im Dialekt spricht. Die gleiche Behandlung erfuhren Buhlschaft, die Vettern, die Mutter, der arme Nachbar und die Freunde Jedermanns sowie die Werke. Nicht in den Dialekt übertragen wurden „Jedermanns Kumpan“ ... Welche Motive mich bewegten, die Stimme des Herrn, Glaube, Tod und Teufel in der alten Sprache zu lassen, werden jedem denkenden Menschen leicht begreiflich erscheinen ... Von den lebhaftesten Wünschen getragen, dieses Spiel möge in seiner neuen Form die weiteste Verbreitung finden, habe ich zum besseren Verständnis weiterer Kreise die am schwerst verständlichen Dialektworte der Salzburger Flachlandmundart unterlassen ... Ich hoffe, daß mir der Versuch, das Werk dem Volkswesen noch näher zu bringen, wenn auch nicht uneingeschränkt, so doch zweckerfüllend gelungen ist“. [1860]
Lösers Hoffnung erfüllte sich schnell und nachhaltig. 1925 wurde die Fassung in Salzburg im „Kurhaus“ uraufgeführt. Nachdem sie in Folge in bayerischen Strafanstalten gezeigt wurde[1861] etablierte sie sich nicht nur im oberösterreichischen Mondsee, sondern auch im salzburgischen Faistenau.[1862] Dieser „Faistenauer Jedermann“ wurde mittlerweile ähnlich dem „Salzburger Jedermann“ fast zu einer „Institution“, die auch überregional Publikum anzuziehen imstande ist. Erstmals 1955 von der Laienspielgruppe des Heimatvereins „Zur alten Linde“ auf dem idyllischen Dorfplatz unter der „tausendjährigen Linde“ mit der „Seitenkulisse“ der Dorfkirche realisiert, erfreuen sich nach Vorstellungen 1956, 1963 und 1964 die seit 1971 im Dreijahresrhythmus durchgeführten Aufführungen größter Beliebtheit. Dabei bildet die Mitwirkung der Volkstanzgruppe des Heimatvereins, die bei der Bankettszene Schuhplattler und andere Tänze aus dem ländlichen Raum Salzburgs (bis nach Abersee) vorzeigt, sowie von Gstanzl-SängerInnen, die mit pointiert witzigen Texten zur Erheiterung der Zuseher beitragen, eine zusätzliche, die heimische Brauchlandschaft vermittelnde Attraktion. Durch Beginn der Aufführungen erst um 21 Uhr (also bei Einsetzen der Dunkelheit) wird die Atmosphäre lauer Sommernächte noch zusätzlich zur Verstärkung der Wirkung genutzt.
Eine Bearbeitung der Löserschen Mundartfassung des „Jedermann“ ist seit 1984 in unregelmäßigen Abständen[1863] auch in St. Veit im Pongau zu sehen. Gespielt wird von der örtlichen Theatergruppe auf einer Freilichtbühne mit der Pfarrkirche als Hintergrunds-Kulisse. Die St. Veiter-Fassung unterscheidet sich von der Löserschen Version nebst Tilgungen von Flachgauer Dialektismen vor allem durch eine stärkere Akzentuierung der Figur des Teufels und der Geliebten (= Buhlschaft).[1864] So tritt der Teufel schon ganz zu Beginn des Stücks (nach dem Dialog zwischen Gott und Tod) in Erscheinung und „profiliert“ sich als Gegenspieler Gottes, der sich sogar mächtiger als sein Schöpfer wähnt.[1865] Er weiß, dass er durch Geld die Welt beherrscht:
„Denn wer regiert die ganze Welt?
Doch nur der Reichtum und das Geld!
Und beides hab nur ich ersonnen
Und auch die Menschheit eingesponnen
dass sie nach Gold und Silber strebt
und nur nach meinen Lüsten lebt“.[1866]
Wohl weist der Tod den Teufel in seine Schranken; dennoch wird durch die Einfügung dieser Szene das Jedermann-Drama vor ein grundsätzlich dualistisch konzipiertes Weltbild gestellt, in dem von Beginn an zwei transzendente Mächte um eine Seele ringen. Auch die Geliebte erhält in der St. Veiter Fassung bedeutend mehr Konturen: So flieht die Geliebte nach der ersten Begegnung Jedermanns mit dem Tod bei der Tischgesellschaft nicht mit dem berühmten „Schrei der Buhlschaft“, sondern trennt sich von ihm in einem längeren Abschiedsdialog, in dem ihr die Worte des Kumpans (der Löserschen Fassung) in den Mund gelegt werden. Das Verhältnis der beiden Liebenden wird dadurch als wesentlich substanzieller, ja humaner gezeichnet. Insgesamt „glättet“ die St. Veiter Version manche Kanten der Löserschen Fassung und wirkt zum Teil wesentlich anschaulicher.
Nebst Adaptationen in der Literatur kennt die Hofmannsthal-Rezeption allerdings auch interessante Ausprägungen in der bildenden Kunst. Genannt sei hier zunächst der 1935 entstandene Holzschnitt-Zyklus „Jedermann“ der von 1918–1947 in Salzburg und Großgmain lebenden Malerin und Grafikerin Emma Schlangenhausen. Mit dem ihr eigenen expressionistischen Pathos wollte sie in dieser 10-teiligen Holzschnittserie[1867] verschiedene Jedermann-Szenen (wie etwa die Begegnung mit der Mutter, die Mammon-Szene und andere) durch raffinierte Lichtwirkung ins Transzendente überhöhen.[1868]
Ähnlich intensiv wie Emma Schlangenhausen setzte sich auch Bernhard Prähauser, der schon als Schöpfer eines „Totentanzes“ genannt wurde, mit der Jedermann-Thematik auseinander. Insgesamt listet sein Werkverzeichnis fünf Jedermann-Reliefs auf.[1869] In dem Zirbenholzrelief „Jedermann“ aus dem Jahr 1990 ist die Tischgesellschafts-Szene in Kreuzform nach Art des letzten Abendmahles gestaltet. Jedermann steht vor umgeworfenem Kelch umgeben von Sitzfiguren, die den Aposteln ähneln. Hinter ihm erhebt sich drohend der Tod. Der obere Teil des vertikalen Kreuzbalkens zeigt überdies noch die Begegnung Jedermanns mit den Guten Werken, mit dem Glauben und mit der Schuldknechtsfamilie. Im unteren Teil (gleichsam der „bösen“ Zone) gewahrt man Mammon und Früchteträger als Symbolfiguren für Überfluss und Üppigkeit. Statt Jesus steht hier also Jedermann bei seinem „letzten Abendmahl“: der sündige Wohlstandsmensch anstelle des sündlosen Welterlösers: wahrhaft eine negative Kontrafaktur der biblischen Szene! Auch andere Jedermann-Darstellungen Prähausers folgen diesem Gedankenkonzept, das auf eindrucksvolle Weise das Jedermann-Geschehen vor die Folie des neutestamentlichen Geschehens hält.
Aber nicht nur der „Jedermann“-Stoff, sondern auch die Jedermann-Aufführungen wurden künstlerisch reflektiert. Zu nennen sind hier zwei literarische Beschreibungen des Spiels auf dem Domplatz. Die erste stammt von dem, mehrere Jahre in Salzburg lebenden Franz Karl Ginzkey: Seine „Terzinen zum Jedermann“[1870] wurden 1930 aus Anlass der Feier zum 10-jährigen Jubiläum der Salzburger Festspiele vorgetragen. Höhepunkt der Jubiläumsfeierlichkeiten war eine Aufführung des Jedermann auf dem Domplatz in Anwesenheit von Bundespräsident Wilhelm Miklas, vor dessen Beginn Ginzkeys Beschreibung der Symbiose von „Jedermann“ und Salzburg rezitiert wurde:
„Und nun als Wunder sich begeben hat:
Wie diese Stadt hier jedermann befreit,
Befreite Jedermann auch seine Stadt!
Sie ward sein Eigen und in Lieblichkeit
Gesellte sie ihr Herzblut seinem Spiel
Sie spielte mit, zu Innigstem bereit,
Bot ihm des Domes marmornes Profil
Bot ihm die Feste, sonnig überloht,
Bot seinem Freudentanz an Farben viel
Und bot ihr Abendleuchten seinem Tod.“
Ebenfalls das einzigartige Ambiente für die Jedermann-Aufführung, aber auch deren Verlauf (aus der Sicht einer Zuseherin an einem Fenster im Wallistrakt der Universität Salzburg, aber auch einer „innerlich“ Schauenden) beschreibt Helga Blaschke-Pal in ihrem „Dramatischen Langgedicht“ „Der Salzburger Jedermann“, das 1970 anlässlich des 50-Jahr-Jubiläums der Uraufführung des „Jedermann“ bei den Salzburger Festspielen veröffentlicht wurde.
Während die letzten beiden lyrischen Texte Lobeshymnen auf den „Salzburger Jedermann“ darstellen, ruhte in der Zwischenzeit allerdings auch die Kritik nicht. Speziell unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg ertrugen viele Intellektuelle die Hofmannsthalsche ästhetisierende und harmonisierende Darstellung des Todesgeschehens nicht mehr. Berühmt geworden ist die 1946 in der „Österreichischen Volksstimme“ abgedruckte Kritik: „Hofmannsthals Dichtung ist ein rein künstlerisches, das Ethos des Zuschauers kaum noch beeinflussendes Erlebnis. Warum? Weil die reale Wirklichkeit zu deutlich gezeigt hat, dass des ‚reichen Mannes‘ Not vor dem Sterben nicht im entferntesten an jenes Leid heranreicht, dem wir alle mehr oder weniger unterworfen waren ... Jedermann ist uns kein Spiegel mehr; es liegen zu viele gesprengte Brücken zwischen uns und ihm“.[1871]
In diesen Kontext gehören auch die Bemühungen, den Hofmannsthalschen „Jedermann“ gleichsam „umzuschreiben“. Am radikalsten ist diesem Anliegen wohl der bekannte Filmemacher, Regisseur und Filmschauspieler Kurt Nachmann nachgekommen, der mit seinem Stück „Das neue Spiel vom Jedermann“[1872] zunächst im Salzburger „Kabarett Fred Kraus“ (in der Getreidegasse) und von 1949–1951 im „Salzburger Marionettentheater“[1873] erfolgreich war. Schon vom Spielansager wurde deutlich gemacht, dass mit diesem Stück ein Anti-Hofmannsthal-Jedermann intendiert war:
„Ihr Leute hört, es hebt jetzt an
das neue Spiel von Jedermann,
denn wie mans kennt seit alter Zeit
hats heute kaum mehr Gültigkeit. ...
Wie leicht ward doch in jenem Leben
dem reichen Jedermann vergeben!
Der, ward er schuldig auch erkannt,
schon im Gebet Verzeihung fand.
Wer sündigt da nicht gern und viel,
das dünkt uns ein zu leichtes Spiel,
und drum, Ihr Leute, hebt jetzt an:
Das neue Spiel vom Jedermann“.
„Gewogen und zu leicht befunden“: aus dieser Sicht wird gegen den Hofmannsthalschen Jedermann angeschrieben.
Das Spiel, das von der traurigen Gewissheit ausgeht, dass der Tod des Hofmannsthalschen Stücks versagt hat, weil es nach wie vor den „Jedermann“ gebe,[1874] präsentiert den neuen Typus des Nachkriegs-Jedermanns ein politisch avancierter Kommerzialrat, der seine Karriere der Ausbeutung ärmerer Bevölkerungsschichten sowie dem Zusammenwirken mit Hochfinanz (Dicker Vetter) und Diplomatie (Dünner Vetter) verdankt, ein „Herrenmensch“[1875] der die andern tritt.[1876] Er dominiert in einer Welt, in der selbst die Liebe (Buhlschaft) zum „Geschäft“ geworden ist.[1877] Bei seinem „Festbankett“ erfährt er durch eine Handleserin (die Mutter des „unbekannten Soldaten“), dass er nicht sterben wird, dass das korrupte, kapitalistische System, das er vertritt, zu einem ewigen Weiterleben „verdammt“ ist.[1878] Vor dieser „Macht“ kapituliert selbst der Tod[1879] (vor dem nach dem Weltkrieg ohnedies niemand mehr erschrak[1880]), ja sogar der dem Tod zu Hilfe eilende Teufel.[1881]
Der Mensch selbst hat die Rolle von Tod und Teufel übernommen, wie es Teufel und Tod in einem „Song“ pointiert ausdrücken:
„Tödlich war der Tod alleine,
teuflisch war der Teufel nur,
heute liegt beides im Vereine
in der menschlichen Kultur.
Heute geht die Welt zum Teufel
ohne unsre Assistenz.
Denn der Mensch ist Tod und Teufel
in gesteigerter Potenz“.[1882]
Die Folgen dieses dämonisch-letalen Wirkens des Menschen werden „Jedermann“ dann freilich buchstäblich „vor Augen“ geführt: Die Figuren der Tischgesellschaft verwandeln sich schlagartig in die Allegorien der Seuche, des Hungers, des Terrors, des Elends und der Not und bedeuten dem Gastgeber, dass er auch sie durch sein Verhalten „geladen“ habe. Wie dem Hofmannsthalschen Jedermann, der all seine Gäste im Totenhemd sitzen sieht[1883], wird also auch dem Nachmannschen Jedermann die Möglichkeit zuteil, hinter die Fassade des schönen Scheins der Gesellschaft blicken zu können. Angesichts dieses Schreckens, den der moderne Jedermann selbst heraufbeschworen hat[1884], wird Jedermann sein ewiges Fortleben-Müssen zum Fluch. Gleichsam den Hofmannsthalschen Jedermann kontrafazierend sucht er nach Beihelfern zum Sterben. Die wieder aufgetauchten Vertreter des kapitalistischen Systems winken ab: Sie sind auf die Existenz Jedermanns angewiesen. Schließlich meint Jedermann, den geeigneten „Freund“ im „unbekannten Soldaten“ gefunden zu haben, dessen Tod er mitverschuldet hat. Doch dieser – deutlich als Antipode zu Jedermann entworfen – ist an Rache nicht interessiert, sondern plädiert im „Song für Morgen“ für die Errichtung einer neuen Welt, in der „Freiheit, Liebe und Menschlichkeit“ regieren sollten. So wird in Nachmanns Stück – in deutlicher formaler[1885] wie thematischer Anlehnung an den zu dieser Zeit ebenfalls in Salzburg weilenden Bert Brecht[1886] – angesichts der sich durch die Ereignisse des Zweiten Weltkrieges neu stellenden Theodizee-Frage[1887] dem Hofmannsthalschen religiösen Erlösungsdenken die Vision eines rein säkular konzipierten Humanismus entgegengehalten, die als Appell an die Zuschauer weiter gereicht wird.
Auch wenn Nachmanns „Jedermann“ ein völlig neues „Lösungskonzept“ für die Jedermann-Problematik anbietet, bleibt der Hofmannsthalsche „Jedermann“ als Folie für die Neukonzeption allgegenwärtig. Dies gilt insbesondere auch für „Ein neues Spiel vom Jedermann“ der in Bischofshofen lebenden Handwebmeisterin und Schriftstellerin Gertrud Mücke. Ihre in Mundart gefasste Prosaversion der „Jedermann“[1888] wurde 1989 als Freilichtaufführung im Kastenhof Bischofshofen mehrfach gezeigt. Schon in der gereimten Spielansage machte Mücke darauf aufmerksam, dass es sich bei dem neuen Jedermann-Spiel um eine bewusst modern gestaltete Fassung des Jedermann-Stoffs handelt (womit implizit dem Hofmannsthalschen „Jedermann“ Aktualität abgesprochen wird):
„Die Weltenuhr, die bleibt nicht stehn,
drum müssen auch wir vorwärts gehn.
Ich hab des Jedermannes Zeit
geschrieben, daß sie paßt für heut“.
Und Modernismen finden sich tatsächlich in der der traditionellen Jedermann-Handlung in großen Zügen folgenden Szenenfolge: So bestellt Jedermann „Kaviar“ zum Fest, der Knecht soll zum Einkauf den „Kombiwagen aus der Garage“ holen, Jedermann möchte die Felder als Bauland für Ferienhäuser verkaufen, für die Geliebte baut Jedermann (der übrigens eine Frau mit gemeinsamen Kindern sitzen gelassen hat) ein Hallenbad aus Marmor, dem melancholischen Jedermann wird Cognac gereicht etc. Wichtiger als diese punktuell bleibenden Versatzstücke aus der aktuellen Gegenwart ist aber die völlige Neugestaltung der spirituell-transzendenten Welt. So fehlen dem Stück die Stimme Gottes, der Glaube und die Guten Werke. Stattdessen tritt eine „Lichtgestalt“ in Erscheinung, die zum ersten Mal nach der Szene „Jedermann – Mutter“ auftritt, „Weisheit und Erkenntnis“ anbietet[1889] und Jedermann über das „Naturgesetz“ von Saat und Ernte aufklärt, demzufolge er schnellstens eine Umkehr in seinem Handeln vollziehen sollte. Jedermann aber ist „der B’suach“ nur „z’wider“[1890] und er ändert sein Verhalten nicht. Dies hat in der Version von Mücke freilich fatale Folgen: denn als Jedermann nach der Begegnung mit dem Tod Begleiter sucht, findet sich nur der Teufel. Die „Lichtgestalt“ entzieht sich dem Moribunden mit der Begründung: Jedermann habe sein Leben „verspielt und vertan“ und die „Reue komme zu spät“.[1891] Dennoch räumt sie Jedermann eine Chance ein: „Während du in anderer Sphäre weilst, hast du viel Zeit, über alles nachzudenken. Und wenn du dereinst zu neuem Erdenleben antreten wirst, bekommst du von Oben schicksalhaft Gelegenheit, alle Schuld zu begleichen“.[1892] Die „Modernisierung“ in der Fassung von Mücke liegt also in der Ersetzung des christlichen Erlösungsgedankens Hofmannsthals durch Aussagen einer stark esoterisch beeinflussten Wiedergeburtslehre.
Das Ressentiment gegen den Hofmannsthalschen „Jedermann“ kam also in der Nachkriegszeit sowohl von links orientierter Ideologie wie von aktuellen spirituellen Trends. Deshalb ist es auch nicht zu verwundern, dass seit 1945 der Ruf nach einem Ersatzstück für den zum „Salzburger Mythos“ gewordenen Hofmannsthalschen „Jedermann“ nicht verstummt. Bedeutende Dichter wie Carl Zuckmayer, Hans Magnus Enzensberger, Botho Strauß und Peter Handke wurden gefragt und sagten ab. Ein einziges Mal schien der Traum vom „Ersatz-Jedermann“ Wirklichkeit zu werden – und scheiterte. Es handelt sich um das Projekt „Salzburger Totentanz“ des bedeutendsten deutschsprachigen Dramatikers der Nachkriegszeit – Bert Brecht. Es kam durch ein Politikum zu Fall, das einen der größten Skandale der Festspielgeschichte nach sich zog.[1893]
Die Verbindung Brechts zu Salzburg hatte 1948 das Direktoriumsmitglied der Salzburger Festspiele Gottfried von Einem hergestellt, der sich eine Neubelebung und thematische Neuakzentuierung des großen Festivals zum Ziel gesetzt hatte. Brecht sollte zur Mitarbeit an den Festspielen gewonnen werden und erwog im Frühjahr des Jahres 1949 zum ersten Mal, für Salzburg ein „Festspiel“ zu schreiben. Als Gegenleistung für seine künstlerische Arbeit forderte Brecht, dem 1935 die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt worden war und der ohne gültige Papiere in Europa weilte, den Erhalt eines österreichischen Passes. Einem erklärte sich zur Hilfe bereit und Brecht begann mit Skizzen zum so genannten „Salzburger Totentanz“. 1950 erhielten dann Brecht sowie seine Frau Helene Weigel die österreichische Staatsbürgerschaft. Die Arbeit am „Salzburger Totentanz‘“ kam allerdings auch in diesem Jahr „nicht recht in Fahrt“, wie Brecht in einem Brief an Einem schrieb.[1894] Gleichwohl skizzierte er in dem gleichen Brief die Konturen zweier Handlungsstränge, die das Stück beherrschen sollten. Als allerdings im Herbst des Jahres 1951 die Verleihung der österreichischen Staatsbürgerschaft an Brecht allgemein publik wurde, löste dies in Österreich einen kulturpolitischen Skandal ersten Ranges aus. Brecht galt als Kommunist par excellence und Gottfried von Einem geriet ins Schussfeld der Kritik.
Obwohl Brecht Fragmente des „Salzburger Totentanzes“ nach Salzburg schickte, wurde im Spätherbst 1951 – besonders auf Betreiben des damaligen ÖVP Landeshauptmanns Josef Klaus – Gottfried von Einem aus dem Festspielkuratorium ausgeschlossen. Damit endete auch die Beziehung Salzburgs zu Brecht und der „Salzburger Totentanz“ blieb ein Torso von wenigen Szenen-Skizzen.[1895] Diese lassen nur sehr rudimentär eine Interpretation zu:[1896] Im 1. Handlungsstrang sollte der Kaiser mit dem Tod einen Vertrag schließen, worin der Tod zusichert, sich der Armen und Niedrigen anzunehmen und die Mächtigen zu verschonen. Dabei sollte freilich dann der viel beschäftigte Tod auf die Abmachung vergessen und der vom Kreuzzug in die Stadt zurückgekehrte Kaiser die Pest mit im Gefolge haben. Dieser „Kaiserhandlung“ sind vier Textfragmente zuzuordnen, unter anderem eine Rede des Todes, in der sich dieser geschwächt, weil bestechlich zeigt:
„Kaiser, ich hatt ein schlechtes Jahr
Mein Geschäft ist nit mehr, was es war
Hab schon keine Lust mehr an meiner Arbeit
Fühl mich kränklich und gealtert vor der Zeit
... Ist schon soweit, dass ich gleich einpack
Wenn ich zwei Taler klingeln hör in eim Hosensack ...
Denn nix vertreibt mich aus meinem Feld
So grausam wie dies verdammte Geld.
...Was sollen die Leut von mir denken, ach
Wenn sie sehn, wie ich solche Unterschied mach
Und vor einem rechten Vieh
Mit Gut und Geld meinen Schwanz einzieh
Und hol ein paar Häuser weiter anstatt
Einen guten Menschen, der nix hat?
Als dass ich parteiisch mit Stiel und Stump
Und bin ein ganz korrupter Lump“.[1897]
Damit erweist sich der Tod nicht – wie in den traditionellen Totentänzen – als Handlanger Gottes, sondern als Agent des Kapitals, vor dem keineswegs alle Menschen gleich sind.[1898] Dass schlussendlich der Tod „aus Versehen“ seinem Handlungsprinzip „untreu“ wird, sollte wohl die Botschaft vermitteln, dass es doch unmöglich sei, mit dem Tod Geschäfte zu machen.[1899]
Im 2. Handlungsszenario sollte die Geschichte der Familie Frühwirt gezeigt werden, die ebenfalls ein Geschäft mit dem Tod anstrebt: Die Witwe Frühwirt schickt ihren Schwager nach Ungarn, damit er das wegen der dort grassierenden Pest von den Bauern zu Schleuderpreisen angebotene Vieh billig aufkaufe. Der Mann wird krank, übersteht aber ebenso wie die angesteckte Magd die Seuche, während der Tod vor den Reichen (also der Witwe Frühwirt) nicht Halt macht.[1900] Zu diesem Handlungsstrang sind drei Szenen ausgearbeitet. Die oppositionelle Einstellung zu Hofmannsthals Auseinandersetzung mit dem Kapitalismus ist hier nicht zu übersehen: Während es im „Jedermann“ durch die Einführung des transzendenten Rahmens doch noch ein positives Ende für den Reichen gibt, bleibt Brecht durch Ausschaltung der religiösen Ebene beim Sterben-Müssen des Reichen stehen und verschärft damit die Kapitalismuskritik. Ziel des Brechtschen Stückes sollte es wohl sein, an der naturgegebenen Allmacht des Todes die schlussendliche Nivellierung der in Geschichte und Gesellschaft gegebenen Ungleichheit innerhalb der menschlichen Sozietät zu demonstrieren. In jedem Fall hätte das Brechtsche Drama ein effektvolles Gegenstück zu Hofmannsthals „Jedermann“ darstellen können. Dass ein „Totentanz“ einen „Jedermann“ ersetzen oder zumindest konterkarieren sollte, beweist übrigens noch einmal eindrucksvoll die enge Verwandtschaft der beiden Sujets.
Brechts „Salzburger Totentanz“ blieb wegen des fragmentarischen Charakters bei den Festspielen begreiflicherweise bis heute unaufgeführt. Gleichwohl brachte am 28. Juli 1986 im Rahmen der „Sommerszene“ Kurt Palm im Petersbrunnhof eine (mehrfach gezeigte) szenische Montage über die Vertreibung Bert Brechts aus Salzburg (mit Michael Degen als Bert Brecht) heraus, in der auch Splitter der Brechtschen Fragmente zitiert wurden. Eine erste schauspielerische Realisation von einigen der Bruchstücke erfolgte erst in der Dokumentation „Totentanz zu Salzburg“ von Norbert Beilharz, die 1998 im Fernsehkanal „ARTE“ zum 100. Geburtstag Bert Brechts ausgestrahlt wurde.
Salzburg kann als das Zentrum der Dokumentation und Erforschung von Totentänzen in Österreich angesehen werden. Die Germanistin Renate Hausner (Institut für Germanistik der Universität Salzburg) widmet sich seit fast einem Jahrzehnt der Dokumentation und Erforschung der Rezeption der spätmittelalterlichen Totentanz-Idee im Drama des 20. und 21. Jahrhunderts und baut eine Audio- und Videothek zum Thema „Totentanz“ auf.
[1711] Am 5. August 2003 fand bereits die 500. Vorstellung vor der Kulisse der Domfassade statt.
[1713] Vgl. [Salmen 1993].
[1714] Vgl. [Grieshofer 2002]. – [Freudl 2002].
[1715] Vgl. neuerdings den Linolschnitt von Franz Riegersperger: ‚s wilde Gjoad‘ op. 140 (2003). Abgebildet in: [Riegersperger 2003], S. 89.
[1717] Vgl. [Tanz der Toten 1998], S. 109.
[1718] Salzburger Konsistorialarchiv 11/79.
[1719] Originaltext der Visitatio tertiae ecclesiae filialis sancti Georgii in Niderhaimb facta 2. septembris (sc. 1614) fol. 453v: „Imago choreas demortuorum representans, cum in parte superiori aliam etiam mundanam et scandalosam referat, deleatur.“ – Zur Visitation vgl. [Allmaier 1998] – sowie zu Salzburg: ungedrucktes Vortragsmanuskript von Hederer, Kerstin: Die Salzburger Pfarren im Spiegel des Protokolls der Generalvisitation der Jahre 1613/14.
[1721] Heute Grabmal der Familie Kurz von Goldenstein.
[1722] [Hahnl 1999]. – [Watteck 1965], bes. S. 247f.
[1723] Dieses Datum bezieht sich auf die letzte Übermalung, die durch Abt Beda Seeauer angeordnet wurde. Die Tafeln selbst könnten allerdings schon um 1660 zum ersten Mal bemalt worden sein.
[1724] Vgl. [Lindenthaler 1987]. – Vgl. [Tanz der Toten 1998], S. 252. – [Knorr-Anders 1991], S. 42–49.
[1726] Vgl. [Heilingbrunner 2002], zu Reisenbichler: S. 106–112.
[1727] Die Blätter sind wie folgt übertitelt: Erwachen des Todes – Er reckt und streckt sich – Heerschau über die Massen – Auszug eines Regiments – Er geht an die Arbeit – Der weisse Tod – Tod in den Bergen – Der Flieger – Tanz über der Schlacht.
[1728] SMCA (Salzburger Museum Carolino Augusteum): Inv. Nr.: 9942/49.
[1729] Freundlicher Hinweis von Nikolaus Schaffer.
[1730] Vgl. [Funke 2004].
[1731] SMCA Inv. Nr. 14/75. Abgebildet in: [Schaffer 2001], Abb. 16.
[1732] Vgl. [Rohrmoser 2001].
[1733] Publiziert als Büchlein: [Bauerntotentanz 1936]. – Vgl. dazu: [Hofmann/Präger 1986], bes. S. 243. – [Schuster/Tanabe 2001], S. 220f.
[1734] Signatur: 3056/7; Datierung unsicher: möglicherweise 1950.
[1735] Vgl. hierzu: [Kasten 1986], bes. S. 102. – sowie insbesondere: [Rieder 1997], S. 45–48.
[1736] Vgl. [Fuhrmann 1957], S. 3–6
[1737] vgl. [Bisanz 1980].
[1738] Vgl. hierzu: [Rieder 1997], S. 21–44. – Zum Verhältnis Kubins zum Tod vgl. auch seine autobiografische Studie: [Kubin 1970].
[1739] Allerdings fehlt bei Kubin der religiöse Vorspann, der Holbeins Zyklus noch prägend bestimmte.
[1740] Vgl. [Kasten 1986] S. 121f.
[1741] Vgl. [SchmiedW 1967]..
[1742] Vgl. hierzu bes.: [Hoberg/Engelmann 1999].
[1743] Wulz begann erst 1966 mit Holzschnittarbeiten, perfektionierte sich aber dann zu einem Meister dieser Technik. Insgesamt schuf er 18 Holzschnittzyklen.
[1745] Vgl. hierzu: [Maislinger 1985]. S. 79–85.
[1746] Vgl. [Prähauser 2003].
[1748] Einzusehen in der Stiftsbibliothek St. Peter Signatur: 12976 I.
[1749] Vollständiger Titel: [Theatrum mortis 1682].
[1750] Vgl. hierzu: [Freytag 2002].
[1751] Abgebildet in: [Breicha 1995].
[1752] Freundicher Hinweis von Fr. Winfried Schwab OSB, der auch die wissenschaftliche Auswertung der Totentanz-Initialen vorbereitet.
[1753] Stiftsbibliothek St. Peter: VD 16: C 5644
[1754] Stiftsbibliothek St. Peter: VD 16: G 1698
[1755] heute: Konsistorialarchiv der Erzdiözese Salzburg Sign.: 44b/8. – Gewidmet ist das Buch Fürsterzbischof Max Gandolph Graf von Khuenburg vom Pfarrer zu St. Georgen unter Laufen Johann Georg Faber. Das Lied findet sich auf p. 142f.
[1756] Vgl. [Watteck 1965], S. 239–242.
[1757] „Fort auff gut Gesell / verlaß die Stell / und deine vollen Truehen / Goldt und Geschmuck / jetzt bleib zu ruck / es war dir nur geliehen“.
[1758] „Der Bettelmann / der Edlmann / muß gleicher Ordnung sterben. Nichts hilfft der Nam / und hoche Stamm / das adeliche Wappen /...Was Kott und Mist / eins Leders ist / ein jeden will ichs gärben / O Kinderstritt / umb Underschid / ihr Menschen all müst sterben ...Wer ist so keck / der mich erschröckt / die Ritter selbst all sterben / Starck / Jung und Reich / stirbt als zugleich / all sterben / sterben / sterben/“.
[1759] Signatur: M I 365 (Ms. Germ).
[1760] Das Lied wurde bereits zweimal ediert: [Frisch 1927] (in Bearbeitung). – sowie [Watteck 1965], S. 243–247.
[1761] Angesprochen werden der Klerus, der Kaiser, die Könige, die Fürsten, der Adel, Grafen und Freie, Goldschmiede und Kaufleute, Soldaten und Beamte, Ärzte, Handwerker, Wirtsleute, Braut, Jüngling und Mädchen, Bürger, Bauern, Mägde und Knechte, Eheleute und das Kind.
[1763] Vgl. hierzu [Fink 1993] – weiters ein unpubliziertes Vortragsmanuskript von Reckmann, Hiltraud: ‚Der grimmig Tod mit seinem Pfeil‘. Hans Holbein d. J. „Bilder des Todes“ und ihre prägende Kraft im kompositorischen Schaffen Cesar Bresgens. – sowie unpubliziertes Vortragsmanuskript: Schwarzbauer, Michaela: Cesar Bresgens „‚Totentanz“ nach Holbeins „Bildern des Todes“.
[1764] Vgl. hierzu bes.: [Reckmann 1988].
[1766] Vgl. [Schmid-Reiter 1989].
[1767] Braunschweig 1955 und Weimar 1957.
[1768] Vgl. hiezu: [Roscher 1984], bes. S. 25–54. – sowie: [Roscher/Claus 1993].
[1769] Zu diesen vgl. [Hausner 2002].
[1770] Vgl. hierzu: [Schwarzbauer 1995].
[1771] So wurden im Rahmen der Totentanz-Improvisation aktuelle Medienberichte über Katastrophen und gesellschaftliche Missstände verlesen, unter den Totentanz-Figuren befand sich als Typus auch der „Konsument“ und die „‚Kurtisane“, die Texte von Alanus ab Insulis wurden durch alttestamentliche Bibeltexte, die Zitate von Nelly Sachs durch solche von Ingeborg Bachmann ersetzt.
[1772] Köhl, Hans: Vorwort im Programmheft der Produktion von 2001.
[1773] Zur Biografie und dem künstlerischen Wirken: [Verein Freunde des Salzburger Adventsingens 1997].
[1774] Uraufführung 1932 in Paris.
[1775] Vgl. hierzu: [Massenkeil 1993], bes. S. 268f. – sowie [Wunderlich 2001], S. 124f.
[1776] Vgl. hierzu: [Loimer-Rumerstofer 1985], zu Gappmair S. 147. – [Loimer-Rumerstofer 1990].
[1777] Zitiert nach: [Trakl 1987], S. 183.
[1778] Zitiert nach: [Trakl 1987], S. 59.
[1779] Zitiert nach: [Trakl 1987], S. 269.
[1780] Zitiert nach: [Trakl 1987], S. 218.
[1781] Zitiert nach: [Trakl 1987], S. 47.
[1782] Erinnert sei daran, dass Tobias Reiser, wie bereits bei Besprechung der Covergestaltung durch Elmar Prack erwähnt, eine Auswahl von Traklgedichten vertonte und 1985 auf LP einspielte: [Trakl 1985].
[1784] [Reiser 2000], S. 50.
[1785] [Reiser 2000], S. 43.
[1786] Vgl. [Herzog 1928].
[1787] Vgl.: [Untersbergsage 1929]. – sowie [Petzold 1991], bes. S. 38–43.
[1788] In der Überlieferung wird mehrmals berichtet, dass Lazarus’ Sohn Johann sich in Bergheim niedergelassen habe. Herzog ([Herzog 1928], S. 19) postuliert deshalb auch Bergheim als Ausgangspunkt der Sage. Die Lazarusgeschichte könnte bereits nach 1558 entstanden sein; auf jeden Fall war sie in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts bereits weit verbreitet. ([Herzog 1928], S. 21) – [Herzog 1928].
[1789] In der Überlieferung werden allerdings auch andere Daten genannt, von denen die meisten freilich in das 3. Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts weisen.
[1790] [Herzog 1928], S. 36.
[1791] Vgl. [Herzog 1928], S. 36f.
[1792] So die von Karl Konrad Polheim in all seinen Arbeiten zum Volksschauspiel verwendete Definition: vgl. u. a. [Polheim 1992], S. XI. u. ö. – Ähnlich definierten schon vor Polheim Leopold Kretzenbacher und Leopold Schmidt das Volksschauspiel: Vgl. [Kretzenbacher 1951], S. 2. – [Schmidt 1962], S. 12.
[1793] Ein solches (mit seinen Wurzeln wohl bis in die Barockzeit reichendes) Totentanz-Spiel wird bis in die aktuelle Gegenwart hinein etwa in Metnitz (Kärnten) gezeigt: Vgl. hierzu: [Hausner 1998].
[1794] Vgl. hierzu: [Schuhladen 1984b].
[1795] Vgl. die Untersuchung und Edition von [Widmann 1891]: Der Text-Torso umfasst nur 373 Verse.
[1796] Vgl. die beiden Editionen: [Adrian/Schmidt 1936], bes. S. 27–56. – sowie [Haberlandt 1938] (wiederabgedruckt und mit einem Kommentar versehen von Ulrike Kammerhofer-Aggermann: Das Krimmler Nikolausspiel in Texten von Arthur Haberlandt. In: [Luidold/Kammerhofer-Aggermann 2002])
[1797] Dies vermeldet die ‚Krimmler Chronik’ von a. 1861 bis 1917 von Peter Lechner (heute: Privatbesitz). Lechner S. 21: „hl. Dreikönigtag aben(d)s 1888 wurde dieses Nikolausspiel erstmalig im Vorhause beim Krimmlerwirth ohne theatermäßige Vorbereitung auf dem Vorhausboden aufgeführt, die Zuschauer standen im Kreis ringsum, die Beleuchtung stellten 2 Petroleumlampen dar ...; also rein mittelalterlich war diese Theateraufführung, welche von Krimmlern gegeben wurde“. – Vgl. hierzu auch: [BaumgartnerJu 1984], S. 146 und S. 149.
[1798] Freundliche Auskunft von Frau Barbara Rettenbacher (Niedernsill).
[1799] zitiert nach [Haberlandt 1938], S. 100 (wiederabgedruckt und mit einem Kommentar versehen von Ulrike Kammerhofer-Aggermann: Das Krimmler Nikolausspiel in Texten von Arthur Haberlandt. In: [Luidold/Kammerhofer-Aggermann 2002]).
[1800] So bezeichnet das alte Weib etwa den Tod als „Boadlkroma“ und bietet ihm ihren Ehemann als „Ersatzopfer“ an.
[1801] Zitiert nach [Adrian/Schmidt 1936], S. 52.
[1802] Dieser Terminus ist nicht als ‚Komödie‘ zu verstehen, sondern bezeichnet allgemein ein Drama (mit positivem Schluss).
[1804] Vgl. [Eberherr/Brettenthaler 1974], S. 146–153.
[1805] Strophe 5 des Prologs.
[1806] Strophe 3 des Prologs
[1807] V 465ff: Jüngling: „Helfft, ach Helfft wer doch Imber helffen kann / Und nemb sich meines Ellendts an / Sonst mueß ich verzweiffeln und verzagen“.
[1808] V 935ff
[1809] V 593ff
[1810] Erstmals um 1450 als Blockbuch erschienen.
[1811] [Comedy vom Jüngsten Gericht 1900], V 2085f
[1812] [Comedy vom Jüngsten Gericht 1900], V 2125ff
[1814] Außerers Version kennt nur 1834 Verse; die Spieldauer seines „Jüngste-Gericht“-Spiels betrug nur mehr zweieinhalb Stunden.
[1815] Ausgabe: [Altenmarkter Spiel 1924].
[1816] Freundliche Übersendung von Gernot Pflüger.
[1817] Jünglings-Szene V 436–934; Auslassung des Allegorien-Totentanzes; Auslassung der Totentanz-Szene mit den Ständevertretern; gekürzte Fassung des Todesmonologs: V 935–957.
[1818] Hugo von Hofmannsthal: Brief vom 9. Oktober 1921 an Emil Ronsperger: „Hätte man sich im August auf Aufführung auf dem Domplatz geeinigt, so wäre unter meinen und Reinhardts gemeinsamen, auf die Wiederbelebung des süddeutschen grandiosen alten Theaterwesens zielenden Plänen bestimmt ein anderer als das (sc. Salzburger Große) Welttheater in Frage gekommen, am ehesten wohl eine neue Fassung des Radstädter jüngsten Gerichtsspieles“. (vgl. [Hofmannsthal 1977], S. 197f.)
[1820] [Hofmannsthal 1982], S. 435.
[1821] [Hofmannsthal 1982], S. 246, V 31–33: „Leise las Andrea ihnen / Eine seltsame gereimte / Kleine Todtentanzcomödie“.
[1822] Vgl. hierzu: [Pörksen 1986]. – sowie insbesondere: [Mayer 1993]. – [BauerJ 1993].
[1823] Claudio zum Tod: „Ich aber bin nicht reif, drum laß mich hier / ... Die höchste Angst zerreißt den alten Bann; / Jetzt fühl ich – laß mich – dass ich leben kann!“(S. 72, V 29ff).
[1824] Claudio: „Da tot mein Leben war, sei du mein Leben, Tod“ (S. 79, V 16) und Claudio: „In eine Stunde kannst du Leben pressen / Mehr als das ganze Leben konnte halten“ (S. 79, V 19f).
[1825] Claudio: „Erst, da ich sterbe, spür ich, dass ich bin“ (S. 79, V 31).
[1826] Tod: „Steh auf! Wirf dies ererbte Grau’n von dir! / Ich bin nicht schauerlich, bin kein Gerippe! / Aus des Dionysos, der Venus Sippe / Ein großer Gott der Seele steht vor dir.“ (S. 70, V 33–36).
[1827] [Hofmannsthal 1982], S. 265–278.
[1829] Ursprünglich hatte Hofmannsthal dieses Drama als Eröffnungsstück für die Salzburger Festspiele 1920 vorgesehen.
[1830] Der erste Engel: „Den Namen des Schauspiels sag ich euch an: Tuet Recht! Gott über euch!“ (S. 15, Z. 30f).
[1831] Meister: „Ein Fest und Schauspiel will ich mir bereiten. Dazu die Bühne heiß’ ich dich (sc. die Welt) aufschlagen“ (S. 10, Z. 33f).
[1832] Zur Interpretation dieser Wandlung vgl. u.a.: [MüllerJ 2003].
[1833] S. 54, V 35f
[1834] Meister: „Den [sc. Tod] heiß ich Bühnenmeister sein. Wen du abrufst, der wird mir für gut von der Bühne treten und nicht wieder hinauf, dafür sorgst du mir“ (S. 14, Z. 12f).
[1835] Bettler: „Da riefs mit Macht nach mir: so schickte ich mich drein“ (S. 63, V 9).
[1836] Bettler: „Wir finden hin, wo wir als Spielgesellen / Uns bloß und abgeschminkt vor unsern Meister stellen“ (S. 63, V 34f).
[1837] Vgl.[Hofmannsthal 1959], bes. S. 346–348 (mit einer ausführlichen Schilderung der ‚Choreografie‘ Reinhardts).
[1838] So wollte Reinhardt bei einer Aufführung in Amerika die Vision des Bettlers durch eine pantomimische Handlung ersetzen.
[1840] [Hofmannsthal 1979], S. 221.
[1841] [Hofmannsthal 1979], S. 222.
[1842] Vgl. hierzu: [Schmidt 1939], bes. S. 139f.
[1843] Zu nennen sind hier der niederländische „Elckerlyc“ und das englische Morality-Play „Everyman“, das auch Hofmannsthal u. a. als Vorlage diente.
[1844] In den letzten drei Jahrzehnten sind zahlreiche Publikationen zur Bedeutung des Hofmannsthalschen ‚Jedermann‘ für Salzburg und seine Festspiele erschienen. Hierzu nur eine kleine Auswahl: [Hofmannsthal 1973]. – [70 Jahre Jedermann 1990]. – [Müry 2001]. – [Ebelsberger/Brudl 2002]. – [Prossnitz 2004].
[1845] Ausgabe: [Hofmannsthal 1990].
[1846] Bereits 1915 war der Hofmannsthalsche Jedermann im Salzburger Stadttheater gezeigt worden.
[1847] Die Liste der Jedermann-Darsteller enthält durchwegs Namen von allerhöchstem künstlerischem Rang: Alexander Moissi, Paul Hartmann, Attila Hörbiger, Ewald Balser, Will Quadflieg, Walther Reyer, Ernst Schröder, Curd Jürgens, Maximilian Schell, Klaus Maria Brandauer, Helmut Lohner, Gert Voss, Ulrich Tukur, Peter Simonischek.
[1848] Dass der Tod heute freilich mehr als Störung diesseitiger Pläne denn als angstauslösendes Moment für die bange Frage nach dem „Danach“ empfunden wird, hat Johannes Neuhardt in einem 1995 geführten Gespräch mit Peter Stein und Gert Voss sehr pointiert aufgezeigt. Vgl. hierzu: Peter Stein, Gert Voss und Domkapitular Johannes Neuhardt im Gespräch. 1995. In: [Müry 2001], S. 136–153, bes. S. 137.
[1849] Vgl. den Untertitel der 1. vollständigen Druckausgabe von 1911: „Jedermann. Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes“.
[1850] [Hofmannsthal 1964], S. 114–132, bes. S. 121.
[1851] Vgl. [Hofmannsthal 1973], S. 261.
[1852] Diese Inszenierung wurde 1961 auch verfilmt.
[1853] Eine ausführliche Beschreibung der Inszenierung bieten: [Ebelsberger/Brudl 2002], S. 183–190. – Am auffälligsten ist die ‚Realisation‘ der Allegorie des Glaubens durch eine Familie sowie die Inszenierung einer ‚Vision‘ im Rahmen der Bankett-Szene, die Jedermann sein eigenes Armenbegräbnis vorgaukeln soll.
[1854] Vgl. hierzu auch: [Ebelsberger/Brudl 2002], S. 166–183.
[1855] Dieser „Jugend-Jedermann“ ist dabei in der Tradition des berühmten „Kinder-Jedermann“ zu sehen, der 1931 unter der „Patronanz“ von Max Reinhardt und Alexander Moissi auf der originalen Jedermann-Bühne von zehnjährigen Kindern, die den „Jedermann“ als Zaungäste bei Proben und Vorstellungen kennen gelernt hatten, gespielt und von Tausenden von Menschen bejubelt wurde.
[1856] MAD = Music and Drama
[1857] Vgl. hierzu auch: [Ebelsberger/Brudl 2002], S. 191–208.
[1858] [Löser 1921].
[1859] Einen Überblick über die wichtigsten textlichen und auch szenischen Veränderungen bieten: [Ebelsberger/Brudl 2002] (masch.), S. 238–249. – sowie [Stampfl 1996], S. 55–87.
[1860] [Löser 1921], S. 6.
[1861] Vgl. hierzu: [Haslinger 2001].
[1862] Vgl. hierzu: [Stampfl 1996], S. 55–87.
[1863] Aufführungen fanden 1984, 1985, 1988, 1991, 1996 und 2000 statt.
[1864] Die St. Veiter Version ist nicht im Druck erschienen: freundliche Zusendung des maschinschriftlichen Manuskripts durch den Spielleiter Hannes Hochleitner.
[1865] Teufel zu Tod: „Nun, dann vernimm, du dienst auch mir, / Denn Er und ich, wir sind die Macht / und wir regieren Tag und Nacht / doch mächtiger als Er bin ich / Und diese Macht bezwingt auch dich“ (S. 3).
[1866] Maschinschriftlichen Manuskript, S. 4.
[1867] SMCA Inv. 1005/90.
[1868] Ein Blatt aus der Mappe „Jedermann“ ist abgebildet in: [Haslinger/Mittermayr 2001], S. 453.
[1869] [Prähauser 2003], S. 23–29, Nr. 126, Nr. 134, Nr. 178, Nr. 211 und Nr. 315.
[1870] Gedruckt im Jedermann-Abendprogramm SF 1930; Archiv der Salzburger Festspiele; freundliche Übersendung durch Gisela Prossnitz.
[1872] Vgl. hierzu [Prossnitz 2004], S. 48.
[1873] Der Text ist unediert und wurde mir freundlicherweise von Barbara Heuberger vom Salzburger Marionettentheater zur Verfügung gestellt.
[1874] Stimme‘ zum Tod: „Du hast dein Arbeit schlecht getan, / noch heute lebt Herr Jedermann“ (S. 3).
[1875] Lied vom Jedermann: „ich bin nicht einfach irgendwer /, ein sowieso, ein Jedermann /, man nennt mich und ich bin auch Herr /, ich diene nicht, ich schaffe an“ (S. 5).
[1876] Refrain: „Wer nicht getreten werden will, der muß die andern treten“ (S. 5).
[1877] 1. Frl.: „Wir sind alle nichts als Zärtlichkeitsbetriebe ... Einer kauft uns doch“ (S. 6).
[1878] Hier enthüllt sich das Spiel Kurt Nachmanns als echte ‚Satire‘ (= Verkehrte Welt) des Hofmannsthalschen ‚Jedermann‘: Die Schreckbotschaft liegt nicht in der Verkündung des Sterben-, sondern in jener des Weiterleben-Müssens.
[1879] Tod: „Ich bin zu Ende, wehe mir“ (S. 12).
[1880] Jedermann zum Tod: „Wir haben dich zu oft gesehn, / du warst uns viel zu gut bekannt / zu Luft, zu Wasser und zu Land“ (S. 11). – Vgl. auch das oben wiedergegebene Zitat der Jedermann-Kritik in der ‚Österreichischen Volksstimme‘.
[1881] Im Duett „Tod und Teufel“ singen die beiden: „Wir sind zwei arme Teufel, / der Teufel und der Tod“ und beklagen, dass sie nur noch einerseits als Totenschädel im Museum bzw. als Zwetschkenkrampus im Brauchtum „gewürdigt“ werden. (S. 15).
[1882] S. 15.
[1883] Buhlschaft: „Was stehst du da und siehst so fremd?“ Jedermann: „Sie sitzen ja alle im Totenhemd“.
[1884] Indem Jedermann erschreckt ausruft: „Das habe ich nicht gewusst, das hab ich nicht gewollt“ (S. 17) erweist er sich als nicht grundsätzlich böser, sondern nur kurzsichtig-egoistisch denkender Menschheitsvertreter, dem eine „Metanoia“ durchaus zugetraut werden kann
[1885] So enthält etwa Nachmanns Drama nach Brechtscher Manier 9 Songs.
[1886] Zu Bert Brecht siehe unten.
[1887] Diese wird in Nachmanns Stück durch eine zynisch-sarkastische Desavouierung der Vaterunser-Bitten besonders eindrucksvoll „dramatisiert“.
[1888] Freundliche Übersendung des maschinschriftlichen Manuskripts von Gertrud Mücke selbst.
[1889] Maschinschriftliches Manuskript, S. 9.
[1890] Maschinschriftliches Manuskript, S. 11.
[1891] Maschinschriftliches Manuskript, S. 24.
[1892] Maschinschriftliches Manuskript, S. 24.
[1895] Ausgabe: [Brecht 1997], S. 958–970.
[1896] Vgl. hierzu: [BauerJ 1993], bes. S. 469f. – sowie [Neureither 2001], bes. S. 64. – und [Thuswaldner 1993].
[1897] [Brecht 1997], S. 968.
[1899] Vgl. auch: [Mittenzwei 1987], S. 270.
[1900] Dies kann man aus dem Fragmentteil „Kammer der Frau Frühwirt“ erschließen: Dreimal vernimmt diese ein unerklärbares Klopfen, vergleichbar den Rufen des Todes in Hofmannsthals „Jedermann“. – Vgl.: [Brecht 1997], S. 964.